Es hat schon immer stattgefunden
Wenn in den USA wieder einmal ein Schütze eine Schule betritt und das Feuer eröffnet – und es passiert mit einer Regelmäßigkeit, die längst aufgehört hat zu schockieren – dann folgt ein bekanntes Ritual. Entsetzen. Trauer. Politische Debatten über Waffengesetze. Gedenkgottesdienste. Thoughts ans Prayers. Bis zum nächsten Massaker.
Columbine. Virginia Tech. Sandy Hook. Uvalde. Die Namen häufen sich.
Was das kollektive Gedächtnis fast nie enthält, ist der Gedanke, dass das kein neues Phänomen ist. Kein Produkt des Internets, der sozialen Medien, sogenannter "Killerspiele", kein Symptom einer modernen Entfremdung. Und die Täter sind nicht immer Jugendliche.
Der früheste bekannte Angriff auf eine Schule in Amerika datiert auf den 26. Juli 1764. Vier Lenape-Krieger betraten eine Siedlerschule im heutigen Pennsylvania und töteten den Lehrer und zehn Kinder. Es war zwar ein Kriegsakt – aber die Kinder waren genauso tot.
1853 kaufte sich ein junger Mann namens Matthew Ward morgens eine Pistole, ging in die Schule und erschoss seinen Lehrer vor den Augen seiner Mitschüler. Als Grund gab er an, dass der Lehrer seinen Bruder bestraft hatte, was er als ungerecht empfand. Er wurde vor Gericht wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen.
1966 bestieg Charles Whitman den Aussichtsturm der University of Texas und tötete mit einem Scharfschützengewehr in 96 Minuten 16 Menschen, bevor er selbst von der Polizei erschossen wurde.
Zwischen den 1930er Jahren und Columbine 1999 zählten US-Forscher mindestens 45 Angriffe auf amerikanische Schulen. Die meisten sind vergessen. Nicht weil sie nicht stattgefunden haben. Sondern weil es kein Internet gab, kein globales Satellitenfernsehen, keine sozialen Medien. Lokale Tragödien blieben lokal. Was nicht in die überregionalen Zeitungen kam, verschwand.
Und in Deutschland weiß man, dass das kein spezifisch amerikanisches Phänomen ist. Erfurt 2002. Winnenden 2009. Auch hier passiert es.
Aber keiner dieser Fälle war der erste. Und keiner war der "schlimmste", sofern man menschliches Leid überhaupt auf diese Weise kategorisieren kann .
Das opferreichste Schulmassaker der Geschichte, ereignete sich am 18. Mai 1927. In einem Bauerndorf in Michigan. Und es war aus den Schlagzeilen verschwunden bevor die Woche um war – weil Charles Lindbergh fünf Tage später den Atlantik überquerte.
Bath Township, Michigan, ist im Frühjahr 1927 ein verschlafenes Bauerndorf mit knapp 300 Einwohnern, zehn Meilen von der Landeshauptstadt Lansing entfernt. Die Bath Consolidated School wurde erst fünf Jahre zuvor gebaut – eine zu dieser Zeit moderne Einheitsschule, die die verstreuten Dorfschulen der Region ersetzen sollte. 314 Schüler aus der ganzen Gegend besuchten sie, viele Kinder von Farmern. Die Gemeinde war stolz auf ihre Schule. Sie hatten für sie gespart, Steuern erhöht, Kompromisse gemacht.
Um zu verstehen, warum jemand in Bath 1927 diese Schule hassen konnte, muss man verstehen, in welchem Amerika dieser Jemand lebte.
Die 1920er Jahre gelten in der kollektiven Erinnerung als die Roaring Twenties – Jazz, Wohlstand, Aufbruch. Das war aber nur die Realität in den Städten. Auf dem Land sah es anders aus. Während des Ersten Weltkriegs hatte die amerikanische Regierung Farmer aktiv ermutigt, mehr Land zu kaufen, mehr zu produzieren, Kredite aufzunehmen – um den Kriegsbedarf zu decken. Als der Krieg endete brach die Nachfrage ein. Europa begann wieder selbst zu produzieren. Die Preise für Agrarprodukte stürzten ab. Die Hypothekenschulden amerikanischer Farmer hatten sich von 1910 bis 1920 mehr als verdoppelt. Jetzt konnten viele diese Schulden nicht mehr bedienen.
Die Zwangsvollstreckungsrate auf amerikanischen Farmen stieg von 3,2 pro 1.000 Farmen zwischen 1913 und 1920 auf 17,4 pro 1.000 Farmen im Jahr 1926. Für viele Farmer war die Zwangsvollstreckung keine abstrakte Bedrohung – sie war das Ende von allem. Das Land auf dem die Familie vielleicht seit Generationen lebte. Das Haus. Die Tiere. Die Würde.
Was viele Midwestern-Farmer besonders wütend machte: die Städte schienen es gut zu haben. Unternehmen florierten, Löhne für Stadtarbeiter stiegen, während auf dem Land die meisten Familien noch nicht einmal Strom hatten.
Der Schwarze Donnerstag traf die gesamte Gesellschaft zwar erst 1929, doch für die Landwirte der amerikanischen Mitte kam die Depression bereits in den frühen 1920ern. Bath Township, Michigan, lag mitten in dieser Welt.
Andrew Kehoe ist zu dieser Zeit etwa 55 Jahre alt, Farmer, ausgebildeter Elektriker, Mitglied der Kirchengemeinde und Schatzmeister des Schulkomitees. Er ist kein Außenseiter. Er ist einer von ihnen. Seine Nachbarn beschreiben ihn als intelligenten Mann, der jedoch schnell ungeduldig wird, wenn Menschen nicht seiner Meinung sind.
Kehoe ist aufgebracht über die Grundsteuern, die für den Bau der Schule erhoben wurden. Für einen verschuldeten Farmer in einer Zeit fallender Agrarpreise, bedeutet jede zusätzliche Steuer eine echte Bedrohung. Kehoe wirft dem Schulleiter Misswirtschaft vor, kämpft gegen das Schulsystem, kandidiert 1926 für das Amt des Gemeindeschreibers. Er verliert die Wahl knapp. Kurz darauf erfährt er, dass sein Hof zwangsvollstreckt werden soll. Seine Frau Nellie ist schwer krank, die Arztkosten steigen.
Das soll nichts entschuldigen. Tausende amerikanische Farmer standen 1927 vor denselben Problemen. Aber es erklärt den Boden, auf dem der Hass wachsen konnte. Psychologen beschreiben Kehoe später als klassischen injustice collector – jemand der wahrgenommene Ungerechtigkeiten obsessiv sammelt, aufschichtet, bis er sich gezwungen fühlt zu handeln.
Was dann folgt dauert fast ein Jahr. Kehoe hört auf, seine Farm zu bewirtschaften. Er verkauft sein Vieh, verschenkt ein Pferd an einen Nachbarn. Er sabotiert seine eigene Farm systematisch – schneidet Weinstöcke ab, ringelt Bäume. Er kauft Sprengstoff, hauptsächlich Pyrotol – als Farmer nichts Ungewöhnliches, Sprengstoff wird zum Roden von Baumstümpfen benutzt.
Und er besorgt sich Zugang zur Schule. Als freiwilliger Hausmeister wartet er Kessel und Generatoren, erledigt Reparaturen, kommt und geht wie er will. Nacht für Nacht, über den gesamten Schuljahrgang 1926/27, verkabelt er die Schule systematisch von innen. Sprengstoff unter den Bodendielen, Drähte durch die Wände, Zeitzünder an den Kellerpfeilern.
Niemand bemerkt etwas.
An seinem Gartenzaun zu Hause hängt ein Schild. Es steht dort schon eine Weile. Die Aufschrift lautet: Criminals are made, not born.
Irgendwann zwischen dem 16. und dem 18. Mai ermordet Kehoe seine kranke Frau Nellie. Ihre Leiche wird später an einen Handkarren gebunden gefunden, verbrannt bis zur Unkenntlichkeit.
Am Morgen des 18. Mai 1927 zündet er seine Farm an. Gebäude, Ernte, die angebundenen Tiere verbrennen in den Ställen. Dann fährt er in die Stadt.
Es ist der letzte Schultag vor den Sommerferien. Kehoe kommt zur Schule. Er arbeitet an einer Tür. Als die Kinder ankommen lächelt er ihnen zu.
Um 9:45 Uhr löst ein Wecker die Detonation aus.
Der Nordflügel der Bath Consolidated School wird durch die Explosion zerstört. 36 Kinder und 2 Lehrer sterben sofort. Die Kinder sind zwischen sechs und zwölf Jahre alt. Sie sitzen im Unterricht, als das Gebäude über ihnen zusammenbricht.
Ein Augenzeuge beschreibt was er sieht, als er durch den Schutt kriecht: Kinder, die halb unter dem eingestürzten Dach begraben sind, manche bewegen sich noch, manche nicht mehr. Arme und Beine ragen aus dem Trümmerfeld. Staub, Putz und Blut machen die Gesichter unkenntlich. Es dauert bis sechs Uhr abends, bis das letzte Kind aus den Trümmern geborgen wird.
Während die Gemeindemitglieder verzweifelt die Überlebenden aus dem Schutt ziehen, fährt ein Lastwagen vor. Andrew Kehoe steigt aus. Das Fahrzeug ist mit Metallschrott und Dynamit beladen. Er feuert sein Gewehr in die Ladefläche. Die Explosion tötet Kehoe, den Schulleiter, zwei weitere Erwachsene und ein Kind, das der ersten Explosion noch entkommen war.
Rettungskräfte finden später 500 Pfund undetonierte Sprengladungen im Südflügel der Schule. Kehoe hatte geplant das gesamte Gebäude zu zerstören. Als Sprengstoffexperten der US-Armee den unbeschädigten Südflügel durchsuchten, fanden sie das Dynamit und Pyrotol in langen, flachen Holzschachteln, die Kehoe passgenau für die Kriechkeller unter den Klassenzimmern angefertigt hatte. Im Keller hatte er eine Autobatterie als zentralen Zünder platziert. Dass der Südflügel nicht explodierte, lag an einer fast banalen Ironie: Die gewaltige Erschütterung der ersten Detonation im Nordflügel zerriss die elektrische Zuleitung zum Südflügel, bevor der Wecker den zweiten Kontakt schließen konnte. Die erste Explosion rettete den restlichen Kindern das Leben.
Die Bilanz ist trotzdem erschütternd. 38 Menschen sterben am 18. Mai selbst. In den darauffolgenden Tagen und Monaten erliegen mehrere Kinder und Schwerverletzte im Krankenhaus von Lansing ihren Verbrennungen und Splitterverletzungen. Das letzte offizielle Opfer ist die junge Schülerin Beatrice Gibbs – sie stirbt erst drei Monate später, im August 1927, nach mehreren Operationen an den Spätfolgen ihrer Verletzungen. 45 Tote insgesamt. 58 Schwerverletzte. In einem Dorf mit 300 Einwohnern.
Das Rathaus von Bath wird zur provisorischen Leichenhalle. Hunderte versuchen zu helfen – mit medizinischer Versorgung, Spenden, Essen für die Verwundeten, Familien und Retter. Der Gouverneur von Michigan ruft den Bath Relief Fund ins Leben. Spenden kommen aus dem ganzen Land.
Aber auch Schaulustige.
1927 fiel in die Epoche, in der das Ford Modell T die amerikanische Gesellschaft mobil gemacht hatte – plötzlich besaß fast jede Familie im Mittelwesten ein Auto. Als die Radiostationen und Lokalzeitungen am Donnerstag und Freitag über das Massaker berichteten, setzten sich zehntausende Menschen aus ganz Michigan, Ohio und Indiana in ihre Wagen. Die unbefestigten Feldwege rund um Bath waren zu dieser Zeit für ein derartiges Verkehrsaufkommen nicht ausgelegt. Die Polizei musste Straßensperren errichten – nicht um Täter zu jagen, sondern um weinenden Müttern, die die Särge ihrer Kinder zu den Gräbern tragen wollten, den Weg durch die Blechlawine der Schaulustigen zu bahnen. Laut zeitgenössischen Schätzungen fuhren allein am Wochenende der Beerdigungen rund 50.000 Fahrzeuge durch die Stadt.
Das Rathaus von Bath war viel zu klein. Es gab keinen Bestatter im Dorf. Die Leichen der Kinder wurden im Gemeindesaal auf improvisierten Holztischen aufgereiht. Stundenlang standen Eltern Schlange, um die oft bis zur Unkenntlichkeit entstellten Körper ihrer Söhne und Töchter zu identifizieren – während draußen zehntausende Schaulustige durch die Straßen strömten und die Feldwege verstopften. Der intimste Moment des Verlustes fand im Beisein von Fremden statt, die gekommen waren, um zu gaffen. Diese Demütigung hat sich tiefer ins kollektive Gedächtnis des Dorfes eingebrannt, als der Schmerz allein. Überlebende berichteten Jahrzehnte später, dass das Massaker in der Gemeinde kaum je zur Sprache kam. Man tauschte keine Erinnerungen aus. Es wurde ausgeblendet. Wer in Bath aufwuchs sah die Menschen mit ihren Narben – und lernte früh, keine Fragen zu stellen.
Die zerstörte Bath Consolidated School wurde nicht wieder aufgebaut. Man riss die verbliebenen Mauern des Südflügels ab und ebnete das Gelände ein. Die neue Schule entstand an einer anderen Stelle im Dorf – im November 1928 als James Couzens Agricultural School eingeweiht, bewusst mit modernsten Sicherheits- und Brandschutzstandards der damaligen Zeit ausgestattet. Ein implizites Eingeständnis, dass die unbeschwerte Architektur der 1920er Jahre an diesem Ort für immer verloren war. Das alte Gelände ist heute ein einfacher Gedenkpark. Die originale Schulglocke von 1927 steht dort als stummes Denkmal.
Die Schlagzeilen über das Massaker beherrschten die Titelseiten des Landes nur bis zum 20. Mai 1927. Dann startete Charles Lindbergh in New York seinen Transatlantikflug. Als am 23. Mai die Nachricht seiner Landung in Paris Amerika erreichte, geriet Bath endgültig in Vergessenheit.
Innerhalb einer Woche war das größte Schulmassaker der amerikanischen Geschichte aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden -und blieb es – fast hundert Jahre lang.
Wenn heute in Amerika über Schulmassaker gesprochen wird – über Columbine, über Sandy Hook, über Uvalde – dann fehlt Bath in der Aufzählung fast immer. Das opferreichste Schulmassaker der amerikanischen Geschichte, vor fast hundert Jahren, von einem Mann der kein Gewehr benutzte, sondern Sprengstoff und Geduld und fast ein Jahr Zeit.
Was Andrew Kehoe von den Tätern des 21. Jahrhunderts unterscheidet, ist nicht das Motiv. Es ist nicht die Methode, auch andere Täter führten Sprengstoff mit sich. Es ist nicht einmal das Ausmaß. Es ist in erster Linie das frühe Datum. Trotzdem passt Kehoe in kein modernes Täterprofil. Die Forschung beschreibt den typischen Schulattentäter als männlich, jung, meist Schüler oder ehemaliger Schüler der Einrichtung, sozial isoliert, auf der Suche nach Anerkennung oder Rache für erlittene Demütigungen. Kehoe war bereits 55. Er war kein Außenseiter – er war Kirchenmitglied, Schatzmeister, Hausmeister. Er tötete keine Mitschüler die ihn gemobbt hatten. Er tötete Kinder die er nicht kannte, weil er die Schule hasste, die sie besuchten. Das macht ihn nicht weniger zum Täter. Es macht ihn aber schwerer einzuordnen.
Was die meisten Schulmassaker der letzten Jahrzehnte jedoch verbindet, ist der Zugang zu Waffen. Die USA haben mehr Schusswaffen pro Kopf als jedes andere Land der Welt – und mehr Schulmassaker als jedes andere Land der Welt. Das ist sicher kein Zufall. Auch in Deutschland war ein Muster erkennbar. Der Täter von Erfurt hatte sich über die Mitgliedschaft in einem Schützenverein legal eine Waffenbesitzkarte besorgt. Der Täter von Winnenden benutzte die Pistole seines Vaters, eines Sportschützen, die nicht vorschriftsmäßig weggeschlossen war. Beide Male war der entscheidende Faktor nicht der Hass – Hass gibt es überall. Der entscheidende Faktor war der einfache Zugang zur Waffe.
Kehoe hingegen benutzte keine Schusswaffe. Und doch spielte der Zugang zu "Waffen" eine entscheidende Rolle. Er benutzte Pyrotol – einen militärischen Überschusssprengstoff aus dem Ersten Weltkrieg den die US-Regierung in den 1920er Jahren tonnenweise und fast ohne bürokratische Hürden billig an Farmer abgab, um das Roden von Land zu beschleunigen. Es war günstig, legal, überall verfügbar. Erst nach Bath wurde der unkontrollierte Verkauf dieser militärischen Überschüsse an Zivilisten drastisch verschärft und schließlich eingestellt. Die Politik reagierte – genau wie heute bei jeder Schießerei die Schlagzeilen macht – erst als das Blut von Kindern den Boden tränkte.
Bath bietet keine direkte Lehre über Waffengesetze. Kehoe benutzte legal erworbenen Sprengstoff. Aber Bath zeigt etwas anderes: dass der Wunsch zu zerstören so alt ist wie die menschliche Gesellschaft. Was sich verändert ist der Zugang zu den Mitteln. Und wer darüber entscheidet, welche Mittel wie leicht zugänglich sind, trägt Verantwortung.