So, das könnte jetzt ggf. ein bisschen länger dauern. ![]()
edit: 08.07.26: Ich strukturiere das hier mal neu, das ist mir alles in einem Beitrag doch etwas zu unübersichtlich.
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Wir befinden uns im Spanien des Jahres 1766, genauer gesagt in Madrid. Durch die engen, verbauten, unübersichtlichen Gassen patrouillieren städtische Polizisten, die Alguaciles. Diese waren – ganz in spanischer Tradition, dem katholischsten aller katholischen Länder - schlicht gekleidet, mit einem schwarzen, knielangen Mantel, einer schwarzen Weste, schwarzen Kniehosen und schwarzen Lederschuhen. Auf dem Kopf trugen sie einen Dreispitz, ebenfalls ganz in Schwarz, oft mit städtischem Hoheitszeichen. Bewaffnet waren sie mit einem Degen und einem langen Stab, der weniger zur Verteidigung diente, als viel mehr als Insignie städtischer Macht zu deuten war.
Einige Jahre zuvor wurden zusätzlich Nachtwächter eingeführt, die Serenos genannt wurden. Diese patrouillierten mit Laterne und dem Chuzo durch die nächtlichen Gassen. Der Chuzo war ein langer Stab mit einer Eisenspitze, quasi ne primitive Hellebarde. Mit diesem konnten Verdächtige auf Distanz gehalten werden, oder durch Klopfen mit der Spitze auf die Pflastersteine, Hilfe von Soldaten angefordert werden.
Beide hatten gemeinsam, dass sie zusätzlich noch mit Scheren bewaffnet waren. Warum? Das sehen wir gleich. Erstmal müssen wir wissen, wo wir uns überhaupt befinden.
Madrid hatte damals knapp 150.000 Einwohner und war somit kleiner als Lissabon. Es galt zu der Zeit als rückständigste und vor allem dreckigste Hauptstadt Europas. Die Gassen waren schmal und dunkel, überall lag Dreck herum, es gab keine Kanalisation und auch keine Straßenbeleuchtung, die in Paris, Amsterdam und Berlin schon beinahe 100 Jahre üblich war.
Spanien hatte den Zenit seiner Macht bereits überschritten, ohne es zu wissen.
Der unfassbare Reichtum, der im 16. Jahrhundert durch die Ausbeutung der Kolonien in Lateinamerika entstanden war, wurde quasi verschwendet. Die vernichtende Niederlage der Armada 1588 beendete die spanische Vorherrschaft auf See, immer öfter drangen englische und niederländische Piraten wie Francis Drake und Piet Heyn in die Karibik ein und kaperten spanische Silberflotten und das Silber, das es noch bis nach Europa schaffte, wurde nicht im Land investiert, sondern musste Spanien direkt wieder verlassen, damit die Krone ihre horrenden Schulden bedienen konnte. Auch fertige Waren mussten größtenteils im Ausland eingekauft werden, die anderswo entstehenden Manufakturen, die die industrielle Revolution ankündigten, machten einen großen Bogen um Spanien. Dort war man drauf bedacht, einfach Geld anzuhäufen und sich damit die Produkte einfach auf dem europäischen Markt zu kaufen. Das Problem an dieser Strategie war halt, dass sie Europa nach und nach mit Silber überschwemmten, das immer großzügiger aus den Kolonien floss. Die klassische Inflation. Im Jahr 1700 hatte Silber nur noch ein Zwanzigstel seines Wertes aus dem Jahr 1500.
Die zahlreichen Kriege, in die sich Spanien verstrickte, förderten den Geldabfluss noch zusätzlich. An der Seite Frankreichs, wo ja auch die Bourbonen auf dem Thron saßen, ließ man sich in den verheerenden Siebenjährigen Krieg mit reinziehen, an dessen Ende man das strategisch wichtige Florida an die Briten verlor. Dafür bekam man von den Franzosen als Ausgleich Louisiana. Strategisch wertlos, riesig groß und effektiv nicht zu kontrollieren. Ein schöner Kuhhandel.
Strukturell verharrte Spanien Mitte des 18. Jahrhunderts noch tief im Feudalsystem. Weite Ländereien gehörten Adel und Kirche, die dieses Land aber weitgehend als Weideland für Schafe nutzten, um Wolle exportieren zu können. Am Getreideanbau für die Bevölkerung war ja kein Geld zu machen, weil der Getreidepreis staatlich garantiert wurde, sprich: er war gedeckelt.
Dies alles erkannte auch König Carlos III., der, im weltoffenen Italien ausgebildet, 1759 den Thron bestieg und erstmal entsetzt war, ob der Piefigkeit des spanischen Adels. Es war halt noch gar nicht lange her, dass Spanien 200 Jahre klerikalen Konservativismus hinter sich hatte. The Inquisition, what a show…
Carlos III. machte sich jedenfalls dran, das Land ordentlich aufzuräumen. Vor allem sicherte er sich die Unterstützung des reichen Bürgertums, die nun auch Posten übernehmen konnten, die vorher nur dem Adel vorbehalten waren. Kolonialminister, Fregattenkapitän, usw… das war ja einer der Hauptgründe, warum die Armada 1588 auf den Grund des Ärmelkanals befördert wurde: Die Engländer stellten ihre Kapitäne nach Fähigkeit ein, Francis Drake vorn dran. Die Spanier schickten irgendwelche „Söhne von…“, die halt hochgeboren waren, aber eben keine Ahnung hatten.
Was sich im Laufe der Jahrzehnte auch auf die Kolonien auswirkte, wo Korruption und Unordnung immer weiter voranschritten. Nun ging es also auch in Spanien nach Fähigkeit, was dem alten Adel natürlich überhaupt nicht passte. Und auch die Kirche wurde massiv in ihren Rechten beschnitten, von Inquisition wollte niemand mehr irgendwas wissen. Die gab’s schon noch, „beschränkte“ sich nun aber auf moralische Fragen und glich eher einer Zensurbehörde. Eine Zentralbank wurde gegründet und auch eine Lotterie, die Geld in die Kassen spülen sollte. Die Lotterie gibt’s übrigens heute noch, „El Gordo“ genannt, die spanische Weihnachtslotterie. Auch Waisenhäuser und Armenhäuser gab es nun und den Bettlern wurde „angeboten“, für die spanische Marine zu arbeiten, statt in den Städten herumzulungern, die nun ebenfalls saniert wurden. Auch in Madrid wurde mittlerweile ordentlich gebaut, es sollte eine Hauptstadt werden, die einer Weltmacht würdig war. Auch wenn Spanien mittlerweile eine Weltmacht zweiter Reihe war.
Hurra, ein Exkurs! Wovon ernährte sich ein einfacher Madrilene in der Mitte des 18. Jahrhunderts? Hauptsächlich von Weizen, das vorwiegend als Brot gegessen wurde, aber auch ein noch heute verbreiteter Brei namens Gacha wurde häufig gegessen. Auch dieser bestand aus Weizen, und zusätzlich aus Wasser, Salz und Olivenöl. Nun sollte man nicht den Fehler machen und das Zeug mit dem flüssigen Gold vergleichen, für das man heutzutage durchaus gutes Geld hinblättern kann. Das damalige Olivenöl war nur grob gepresst, nicht gefiltert und die Oliven gerne durch Viehzeug verunreinigt. Demnach schmeckte das Zeug wohl fermentiert und ranzig, Reisende aus dem Norden Europas, die tierische Fette wie Butter oder Schmalz kannten, sollen das spanische Olivenöl verabscheut haben. Erst im 19. Jahrhundert konnte die Herstellung so weit verbessert werden, dass das Öl annehmbare Qualität erreichte. Verfeuert als Lampenöl wurde es obendrein noch. Auch die Kichererbse spielte in der Ernährung eine gewisse Rolle, vor allem als warme Mahlzeit. Wer es sich leisten konnte, gab ein Stück Speck oder Hammel dazu. Als Obst waren Äpfel verbreitet. Getrunken wurde vorrangig Wein, oder Weinschorle, weil Wasser… wir sprachen über die fehlende Kanalisation und die Qualität des Zeugs könnt ihr euch denken. Wer mehr über die Ernährung und die Lebenshaltungskosten der einfachen Bevölkerung zu der Zeit erfahren will, Prof. Dr. Rainer Wohlfeil hat dem Thema einen Aufsatz gewidmet. [i]
Federführend bei der Durchsetzung der meisten Reformen war Leopoldo de Gregorio, Marqués (also ein Markgraf) de Esquilache, ausgerechnet ein Italiener. Dieser wurde 1699 in Messina geboren, wobei über sein frühes Leben erstaunlich wenig bekannt ist. Er arbeitete als Buchhalter, ehe er Quartiermeister im Österreichischen Erbfolgekrieg wurde. Mitte der 1740er Jahre, als Carlos III. noch König von Neapel und Sizilien war, wurde er dessen Zollinspektor und später Finanzminister. Carlos schätzte ihn als fähigen und durchsetzungsstarken Verwalter und so nahm er ihn 1759 mit nach Madrid, um Finanzminister des Königreiches Spanien zu werden. Esquilache war nicht nur ein fähiger Verwalter und Reformer, er war auch ein Technokrat, wie er im Buche stand. Seine Ziele verfolgte er ohne diplomatisches Geschick und mit wenig Gespür für die Folgen, die seine Entscheidungen den Untertanen brachten.
Und wie es mit Reformen so ist, manchmal schießt man über das Ziel hinaus… Und so kam es zu zwei Fehlern, die eine gewisse Zündwirkung hatten.
Der staatlich gedeckelte Getreidehandel wurde liberalisiert. Nun muss man nicht zehn Semester BWL studiert haben, um sich auszumalen, was passiert, wenn Folgendes eintritt: Der Höchstpreis fiel weg. Das Getreide war frei handelbar, auch ins Ausland. Die Produktionsmenge war logischerweise noch die gleiche wie vorher, das Zeug spawnt ja nicht plötzlich irgendwo. Naja, klar, die Preise steigen ins Unermessliche, was vor allem die ärmste Bevölkerungsschicht massiv getroffen hat.
Und dann hatte Esquilache noch eine ganz besonders dämliche Idee: Um Madrid sicherer zu machen, ließ er Straßen pflastern, feste Beleuchtung installieren… und dachte sich, was Peter der Große gemacht hat, ist für uns gerade gut genug: Und verbot den Madrilenen, ihre traditionelle Tracht zu tragen: Einen langen dunklen Mantel und diesen breitkrempigen Sombrero, den wir alle von Speedy Gonzalez kennen.
PDG verbot seinen Untertanen die langen Kaftane und verlangte von seinen Eliten, dass sie westliche Gewänder zu tragen hatten. Auch Otto I., ein Wittelsbacher, der ab 1832 versuchte, Griechenland zu verstehen, setzte im griechischen Militär auf ein Tracht-Verbot und auf westliche Uniformen. Nur: Hier traf es eben keine Eliten, sondern die ärmsten Madrilenen, die meistens wahrscheinlich nur diesen einen Mantel und diesen einen Hut besaßen. Der (vermutlich vorgeschobene) Grund dafür: Unter dem langen Mantel kann man Waffen verstecken und der breite Sombrero verdecke das Gesicht. Man hätte doch jetzt den (französischen) Dreispitz und einen kurzen Rock zu tragen. Das trieb recht kuriose Blüten und da kommen die eingangs angesprochenen Scheren ins Spiel: Wen die Polizei mit ihrer Meinung nach zu langem Mantel, oder zu breiten Hut antraf, dessen Klamotten wurden an Ort und Stelle von den Bullen umgeschneidert. Wobei ästhetisch Schneidern konnten da vermutlich nur die wenigsten. Manche hatten sogar Maßbänder dabei, spanischer Anzeigenhauptmeister.
Vor allem war es ja eine krasse Demütigung. Kleidung war damals DAS Symbol, um Zugehörigkeit zu einer gewissen Gruppe auszudrücken. Ist ja heute auch noch so, wer in den 70ern Parka und Jeans trug, grenzte sich bewusst vom Bürgertum ab, wer heute schwarze Bandshirts trägt und die nicht bei H&M gekauft hat, sagt damit auch was aus. Und so weiter. Und damals gab’s ja nix anderes und jetzt stellt euch vor, da wird jemand auf offener Straße angehalten und sein Hut wird verunstaltet. Da kannste den ja auch direkt auspeitschen, oder an den Pranger stellen, das hätte den gleichen entehrenden Effekt.
Reiche waren von diesen Maßnahmen kaum betroffen, sie trugen eh schon die als hip geltende französische Mode, oder zahlten einfach ein Bußgeld. Ein zeitgenössischer Spruch sagte daher auch, dass Esquilache „den Spaniern nicht nur das Brot aus dem Mund, sondern auch den Stoff vom Leib“ klauen wollte. Er sah die Schere tatsächlich als Werkzeug der Zivilisation. Wie die Hexenverbrennung, die wurde ja auch so gesehen. Für die Madrilenen hingegen war die Schere ein Symbol der Kastration ihres Stolzes. Da kam ein oller Italiener, wollte französische Klamotten einführen und rückte den ach so rückständigen Spaniern mit ner Schere auf den Leib…
Die Maßnahmen wurden übrigens am 10. März 1767 in Kraft gesetzt und die Wirkung dieses Spektakels war enorm, aber vermutlich etwas anders, als Esquilache sich das gedacht hat: Es gab passiven Widerstand, die Leute nähten ihre Mäntel einfach provisorisch hoch und zuhause wurde das dann wieder rückgängig gemacht. Andere begannen, die Wachen zu verhöhnen und zettelten Schlägereien mit den Scherenmenschen an.
Und dann kam der Palmsonntag, der 23. März. Am Nachmittag provozierten zwei junge Männer im Viertel Anton Martin (wer in Madrid schon mal mehr als das Stadion von Real gesehen hat: Das ist ein paar hundert Meter südöstlich des Plaza Mayor) die Wachen, indem sie mit ihren Mänteln und Sombreros vor ihnen herumstolzierten. Ein Offizier wollte sie stoppen und ihre Klamotten zurechtstutzen, als einer von beiden einen stattlichen Degen unter seinem Mantel hervorzog. Das war gleichzeitig das Signal an andere Gruppen, die sich in den Seitenstraßen postiert hatten. Diese stürmten nun auf den Platz und schlugen die Soldaten mit Steinen und Knüppeln in die Flucht. Das war natürlich alles kein Zufall, sondern ne abgekartete Sache.
Die ganze Sause weitete sich ziemlich schnell aus. Die Einwohner nutzten die engen Gassen der Stadt als Waffe, die Kavallerie hatte hier keine Chance und auch die Fußsoldaten waren machtlos, weil sie ihre Formationen nicht einnehmen konnten. Dazu muss man verstehen, wie damals im 18. Jahrhundert größtenteils noch gekämpft wurde: Armeen standen sich auf großen Schlachtfeldern in langen Reihen und geordneten Formationen gegenüber. Das war vor allem deshalb nötig, weil die damaligen Waffen, die Musketen, furchtbar langsam geladen werden konnten. Preußen nutzte zum Beispiel eine Linie bestehend aus vier Gruppen. Die erste Gruppe schoss und zog sich zurück. Die zweite Gruppe trat gleichzeitig vor, schoss und zog sich zurück. Und so weiter. Gruppe 1 zog sich dann zurück und lud ihre Flinten nach. Quasi belgischer Kreisel, nur mit Schießprügel.
Dazu kam die Treffergenauigkeit, ein damaliger Musketenschütze würde in Chicago einen guten Kicker abgeben. Die Preußen haben das 1810 mal getestet, also knapp 50 Jahre nach unserem Ereignis. Die haben ne feindliche Linie simuliert, 1,80m hoch, 30m lang und 200 Schuss draufgesetzt. Ratet mal, wie viele mit 75 Meter Abstand getroffen haben.
Auf 75 Meter hatten weniger als die Hälfte der Schüsse das Ziel getroffen. Das wirkt auf uns heute völlig absurd, dass sich zehntausende Mann auf nem Abstand von nem halben Fußballfeld gegenüberstanden und auf sich geschossen haben. Aber anders ging es halt nicht und deshalb konnten die „normal“ ausgebildeten Soldaten in Madrid gegen diesen Aufstand auch nix ausrichten. Häuserkampf, Guerillataktik und son Zeug war denen noch dazu völlig unbekannt.
Weiter erschwert wurde der Einsatz des Militärs dadurch, dass die Aufständischen Straßen mit Karren und Sperrmüll versperrten. Bewaffnet waren sie auch, wobei schöne Degen klar in der Unterzahl waren. Man machte sich dessen habhaft, was man kriegen konnte: Küchenmesser, Pflastersteine, Schmiedehämmer, all sowas… Und auch die Damen mischten fleißig mit: Aus den Fenstern der Obergeschosse flogen schwere Töpfe, kochendes Wasser und… naja, die Bettpfannen auf die Soldaten.
Well, that escalated quickly, denn die Aufständischen blieben nicht in ihrem Stadtteil, sondern zogen zum nahegelegenen Postamt und griffen dort direkt die königliche Garde an. Auch Kasernen wurden gestürmt und das eigentliche Ziel war sonnenklar: Das Haus von Esquilache, um das besonders heftig gekämpft wurde. Die Meute prügelte sich mit der Leibwachte des Ministers, verschaffte sich Zugang zum Gebäude und zerstörte dort alles, was auch nur entfernt nach Luxus und „italienischem Geschmack“ aussah. Esquilache bekamen sie nicht in die Finger, der hatte sich aus der Hintertür davongemacht und ist zum Königspalast gelaufen. Hätten sie ihn erwischt, hätte er sicher die Nacht am Baum gehangen.
Am nächsten Morgen eskalierte die Lage weiter: Tausende Menschen standen vor dem Palacio Real, vor dem sich die Wallonische Garde postiert hatte, eine Elitetruppe des Königs. Diese feuerte in die Menge, der Auslöser ist nicht mehr überliefert, was mehrere Tote forderte und die Stimmung weiter anheizte. Die Protestierenden trugen die Leichen ihrer Kameraden durch die Straßen und schrien „Tod den Ausländern!“. Die Verteidigung des Palastes brach fast in sich zusammen, auch weil die spanischen Soldaten sich weigerten, auf ihre eigenen Leute zu schießen.
Am Ende gab’s 40 bis 50 Tote und hunderte Verletzte. König Carlos III. war so entsetzt von den Prügeleien, die er „live“ am Fenster miterleben musste, dass er kreidebleich geworden sein soll. Er trat auf den Balkon und gab den Aufständischen nach: Esquilache wurde aus dem Land geworfen, der Brotpreis wurde wieder reguliert und auch die klassischen Trachten wurden wieder zugelassen. Die Madrilenen stürmten die Kneipen der Stadt, um ihren Sieg zu feiern und hier könnte die Geschichte zu Ende sein und eine mehr oder weniger amüsante Randnotiz derselben bleiben.
A propos Randnotiz: Esquilache wurde zwar aus dem Land geworfen und betrat Spanien nie wieder, aber König Carlos III. ließ ihn nicht fallen. Esquilache ging zurück nach Neapel und wurde 1772 spanischer Botschafter in Venedig, wo er 1785 im hohen Alter von 85 Jahren verstarb.
Ein möglicherweise kurzer Exkurs zu den Jesuiten: Diese waren faktisch ein Staat im Staat und dem König somit ein buchstäblich mächtiger Dorn im Auge. Carlos III. wollte ja eher die Macht zentralisieren, da war ne Bande, die direkt aus Rom gesteuert wurde natürlich ein besonderes Problem. Zudem waren die Jesuiten unfassbar reich, vor allem in den Kolonien in Südamerika besaßen sie riesige Ländereien und bestens laufende Handelshäuser, außerdem hatten sie die besten Bildungseinrichtungen. Viele schickten ihre Kinder in Schulen der Jesuiten. In Spanien hatten sie dabei den Vorteil, dass es keine, bzw. nur wenige säkulare Bildungseinrichtungen höheren Niveaus gab.
Die Jesuiten waren übrigens kein rein spanisches Phänomen. Es gab sie überall, wo es Katholiken gab, im erzkatholischen Iberien hatten sie aber besonders leichtes Spiel und besonders viel Macht. Und sie missionierten was das Zeug hielt, was mit dazu führte, dass die Spanier zur Weltmacht aufstiegen. Schöpfer und Schießprügel, das funktionierte schon immer. Mit einer gewaltigen Ausnahme übrigens: Japan!
Die Sakoku, also die über 250 Jahre dauernde Isolation Japans, ist unter anderem auf portugiesische Jesuiten zurückzuführen. Japan kam im Jahre 1600 gerade aus einem fast 150-jährigen (!) Bürgerkrieg, die Zeit wurde auch Sengoku Jidai (Zeit der streitenden Reiche) genannt, grob gesagt gab es dort über 100 lokale Fürsten (HRR jemand?), die sich alle gegenseitig die Köppe eingeschlagen haben. Zu der Zeit marschierten die Portugiesen dort auf und wie immer wurden zuerst die Missionare geschickt, später die Händler und man muss kein Prophet sein, um Schritt drei vorauszusagen: Soldaten! So lief es ja überall anders auch, die Jesuiten bereiteten den Boden für die „Befreiung“ durch den Westen. Nur blöderweise war in Japan irgendwann Frieden, ab 1603 herrschte das Tokugawa-Shogunat in der Edo-Zeit und mit das erste, was Ieyasu Tokugawa machte: Er schmiss diesen missionierenden Haufen raus, weil er Schritt drei ja schon vor seiner Haustür in China, auf den Philippinen und so weiter beobachten konnte und der Spaß ging so weit, dass einfach stumpf kein einziger Ausländer mehr ins Land gelassen wurde. Mit einer Ausnahme: Die Vereenigde Oostindische Compagnie der Niederlande. Diese bekamen ein winziges Stück Insel vor Nagasaki zugewiesen, was quasi als japanisches Tor zur Welt diente. Die wollten nur Handel treiben und Geld verdienen und hatten keinerlei Interesse an Missionsarbeit. Das waren Calvinisten, also quasi protestantische Hardliner, denen Missionieren strikt zuwider war. Die haben die Japaner größtenteils in Ruhe gelassen. Aber das ist viel zu umfangreich und irgendwann mal eine eigene Geschichte wert.
Aber zurück nach Madrid, hier jetzt ging der Spaß erst richtig los und dafür sorgte der König höchstselbst. Den haben die Aufstände wohl so nachhaltig beeindruckt, dass er noch in der Nacht seine Familie und nur eine kleine Leibgarde einpackte und sich aus dem Staub machte. Ziel war das Schloss Aranjuez, ca. 50 km südlich von Madrid. In der Stadt sprach sich das natürlich rum wie ein Lauffeuer und die Bewohner zogen interessante Schlüsse daraus: Manche glaubten, der König wolle sie aus Rache aushungern oder bombardieren lassen, manche glaubten, der König will die Zugeständnisse nicht durchsetzen und wieder andere hatten plötzlich ein mächtig schlechtes Gewissen, weil der aus der Flasche gelassene Geist sich irgendwie verselbstständigte. So blockierten die Madrilenen jetzt erstmal die Stadttore, damit sich nicht noch mehr Adelige aus dem Staub machen konnten. Die waren jetzt quasi das Faustpfand. Nur passierte dann: Nichts! Carlos III. blieb in seinem Schmollwinkel in Aranjuez, ehe er Besuch von einem gewissen Diego Avendaño bekam. Dieser war nur ein einfacher Typ mit nem Pferd und spielt für diese Geschichte absolut keine Rolle, aber er hatte einen Job: Er sollte einen Brief des Volkes überbringen und die Palastwachen müssen ziemlich doof geschaut haben, als da dieser abgerockte Typ nach 50 km Galopp vor ihnen stand und sie anwies, diesen Brief sofort zum König zu bringen. Avendaño wartete sogar die Antwort ab, ehe er sich auf den Rückweg machte und von der Menge in Madrid begeistert empfangen wurde.
Der Brief ist übrigens erhalten, er liegt im Spanischen Nationalarchiv. Dieser wurde – davon kann man sicher ausgehen – nicht vom einfachen Volk verfasst. Wer ihn verfasst hat, ist nicht klar, es werden Anwälte, Schriftsteller, oder Kleriker vom Jesuitenorden vermutet.
Hier mal ein paar schöne Bonbons aus diesem doch recht eindrücklich verfassten Schriftstück:
„Madrid ist ohne Eure Majestät wie ein Körper ohne Seele, eine Witwe in tiefer Trauer, die ihre Augen nicht von dem Weg abwenden kann, auf dem ihr geliebter Gemahl geflohen ist. [...] Wir, Eure treuesten Vasallen, werfen uns vor Eure königlichen Füße, nicht um zu rebellieren, sondern um zu weinen.“
„Es war nicht der Geist des Ungehorsams, der die Straßen erfüllte, sondern der Schrei des Hungers und der verletzten Ehre. Das Volk liebt Eure Majestät. Die Hand, die die Steine warf, war die Hand der puren Verzweiflung, herbeigeführt durch die Tyrannei jener ausländischen Minister, die Euer treues Volk wie Sklaven behandelten, uns das Brot entzogen und uns zwangen, unsere vaterländischen Trachten abzulegen.“ (der Part war vor allem nötig, um herauszustellen, dass man nur Esquilache loswerden wollte und nicht etwa einen Hochverrat beabsichtigte).
„Wir flehen Eure Majestät an, zu Eurem Wort zu stehen, das Ihr uns huldvoll vom Balkon des Palastes gegeben habt. Das Volk hat die Waffen niedergelegt und feiert Eure Güte. Doch sollte Eure Majestät sich weigern, in Eure Hauptstadt zurückzukehren, oder sollten die Truppen, die sich um Aranjuez sammeln, gegen Madrid in Marsch gesetzt werden, um dieses treue Volk zu bestrafen, so weiß Gott, dass die Verzweiflung erneut die Fackel des Aufruhrs entzünden wird. Wenn Eure Versprechen brechen, bricht auch der Frieden.“
König Carlos III. beantwortete diesen Brief, aber die Antwort blieb frostig. Er traute den Madrilenen nicht mal mehr so weit, wie er ein Klavier werfen könnte und würde in Aranjuez bleiben. Er forderte außerdem, dass alle während des Aufstandes geklauten Waffen sofort abzugeben seien und – da spiegelte er quasi den Tonfall des Briefes – er verlangte, dass das Volk erst beweisen müsse, dass es „seiner Liebe würdig“ sei und es zu keinen weiteren Aufständen kam.
Und das funktionierte sogar! Die Madrilenen, allen voran die Gilden und Handwerker begannen, sich gegenseitig zu kontrollieren, man wollte dem König unbedingt beweisen, wie „brav“ man war. Carlos III. jedoch, der blieb erstmal weiterhin in Aranjuez.
Aber sprachen wir nicht eben von Hochverrat? Es wird Zeit für den Auftritt von Pedro de Aranda, seines Zeichens Innenminister und den Anwalt der Krone, ein gewisser Pedro Rodriguez de Campomanes: Beide dachten sich, dass es doch überaus praktisch wäre, so nen Sündenbock frei Haus geliefert zu kriegen, der noch dazu die angeschlagenen Staatsfinanzen etwas aufmöbeln könnte: Die Jesuiten!
Die waren ihnen ein ziemlicher Dorn im Auge, würden sie doch allzu aufklärerischen Reformen im Weg stehen und mächtig mächtig waren sie eh auch noch. Die beiden behaupteten gegenüber dem König, dass das einfache (dumme) Volk gar nicht in der Lage wäre, solche Aufstände gezielt anzuzetteln und dass die Jesuiten hinter all dem stecken würden, in ihren Predigten zu Hass auf die Krone auffordern und so weiter… das Spiel kennt man. Blöderweise forderte der König Beweise und so kamen sie auf eine Idee:
Aranda präsentierte dem König einen (gefälschten) Brief, der angeblich vom Generaloberen der Jesuiten in Rom, Lorenzo Ricci, an den Direktor des Jesuitenkollegs in Madrid gerichtet war. In diesem Brief war zu lesen, dass die Jesuiten Beweise hätten, dass König Carlos III. ein Bastard sei. Das war damals ein krasser Vorwurf, denn auf Blutlinie und legitime männliche Nachkommen stützten sich ganze Dynastien. Wäre Carlos ein Bastard gewesen, hätte er gar keinen Anspruch auf den spanischen Thron gehabt und seine Söhne auch nicht (wobei das vermutlich besser gewesen wäre).
Zur Sicherheit fälschten sie noch ein paar Flugblätter der Madrider Jesuiten, damit das Ding auch rund ist. Hätte das gestimmt, wäre DAS tatsächlich Hochverrat gewesen und eben eine existenzielle Bedrohung seiner Krone. Der König biss auf den Köder voll an und erklärte die nun folgende Untersuchung direkt zur Geheimsache, damit Gerüchte gar nicht erst die Runde machen würden. Er unterzeichnete das entsprechende Dekret und nun begann die Krone, zurückzuschießen:
Als der König im Dezember 1766 (endlich) nach Madrid zurückkehrte, war das Ende der Jesuiten längst beschlossene Sache und die geheimen Vorbereitungen liefen auf Hochtouren.
Im März 1767 wurden versiegelte Briefe an alle Gouverneure und Kommandanten im gesamten spanischen Weltreich geschickt. Also auf der iberischen Halbinsel, Lateinamerika, Philippinen, usw… Dazu gab’s den Befehl, den Brief erst in der Nacht zum 1. April zu öffnen. Im Brief standen folgende Anweisungen: Die Jesuitenkollegien sind zu umstellen, die Patres sind zu verhaften und unverzüglich zum nächsten Hafen zu bringen. Ihre Gebetsbücher und etwas Wäsche durften sie mitnehmen, der Rest blieb vor Ort. Sie wurden auf Schiffe gepackt und kurzerhand in den Kirchenstaat geschickt, die wüssten schon was mit ihren Predigern anzufangen…
So war’s nicht ganz, die Kurie unter Papst Clemens XIII. war völlig überfordert und wusste nicht wohin mit denen, sodass die Schiffe erstmal monatelang auf dem Mittelmeer umherirrten, bis sie schließlich in der norditalienischen Romagna landen durften.
Für diese Aktion gab es übrigens nie eine offizielle Begründung oder gar Rechtfertigung des Königs. Ist jetzt so, findet euch damit ab. Carlos III. soll gesagt haben, die Gründe dafür behalte er in seiner königlichen Brust.
Und wie praktisch, jetzt standen überall Sachen rum, deren Eigner sich irgendwo weit entfernt befanden. Bargeld und Edelmetalle wanderten direkt zum königlichen Kämmerer, Reformen kosten schließlich Geld und nem geschenkten Gaul…
Der gesamte Besitz wurde beschlagnahmt. Immobilien, Ländereien, die Handelshäuser, Weinberge, Farmen, etc… wurden höchstbietend versteigert. Der Adel und das aufstrebende Bürgertum sicherten sich Unmengen von dem ganzen Krempel, in Amerika führte das dazu, dass die Großgrundbesitzer noch größer wurden. Im Urwald Paraguays und Argentiniens hatten die Jesuiten allerdings über 100.000 indigene Guarani in Missionsstationen untergebracht, um sie vor spanischen und portugiesischen Sklavenjägern zu schützen. Was mit denen passierte, könnt ihr euch denken.
Die Klöster wurden kurzerhand säkularisiert, oder anderen Orden zur Verfügung gestellt, ebenso die Kirchen.
Ein unterschätztes Problem zeigte sich im Bildungssystem. Wenn du kurzerhand alle hochwertig ausgebildeten Lehrer verhaftest, hast du halt keine guten Lehrer mehr. Das matchte nicht so ganz mit dem Plan des Königs, die Spanier aufgeklärter und schlauer zu machen. Immerhin haben sie die jesuitischen Bibliotheken respektiert und aus dem erbeuteten Besitz öffentliche Bibliotheken gemacht, oder die Bücher an staatliche Hochschulen gegeben. Diese brauchte es jetzt plötzlich, denn die Kinder wollten ja weiterhin irgendwo unterrichtet werden. Und der ganze Spaß war ja komplett geheim, es gab also keinen Plan für den Tag danach.
Die Lücke wurde durch andere Ordensbrüder und schlecht ausgebildete weltliche Lehrer provisorisch zugenagelt, allerdings erkannte man auch die Chance, die sich nun bot. Die Jesuiten hielten noch immer an der mittelalterlichen Scholastik fest, nun gab sich die einmalige Gelegenheit, das Bildungssystem komplett umzukrempeln. 1771 kam es zu einer umfassenden Universitätsreform, die den Einfluss der Kirchen massiv beschnitt. Auch Naturwissenschaften, für religiöse Eiferer ja grundsätzlich Teufelszeug, kamen nun an breiter Front auf den Lehrplan. Und da der Staat ja praktischerweise schon zufällig an die passenden Gebäude geraten ist, wurden nun überall staatliche und vor allem weltliche Bildungseinrichtungen gegründet, die nach den neuesten Erkenntnissen der europäischen Aufklärung gestaltet wurden. Das alles dauerte zwar einige Jahre, bis es funktionierte, aber irgendwann funktionierte es. Allerdings nicht so lange, wie man hoffen könnte, aber später mehr davon.
Übrigens nutzten Mitte des 18. Jahrhunderts einige europäische Höfe ähnliche Verschwörungstheorien, um die Jesuiten loszuwerden, unter Anderem Portugal und Frankreich. Papst Clemens XIV. wurde 1773 gezwungen, den Orden offiziell aufzuheben. Erst 1814 durch Papst Pius VII. wurde der Jesuitenorden wieder zugelassen.
Die Jesuiten waren erledigt, nun gab es endlich freie Bahn für die Reformen, wobei die Krone jetzt cleverer vorging: Ausländische Reformer wurden durch Spanier ersetzt, von denen einige sich so talentiert anstellten, dass sie das Land über die nächsten Jahrzehnte prägen sollten. Und auch die Sache mit den Hüten… man befahl nun, dass nicht nur die Soldaten den französischen Dreispitz zu tragen hatten, sondern sämtliche Verwaltungsbeamte mussten diesen nun zu ihrer Uniform tragen. Der erwünschte Effekt trat ein, der olle Sombrero und sein Träger galten schon bald als rückständig und wer nicht wie der letzte Bauer angesehen werden wollte, kaufte sich nen Dreispitz.
Auch die geplanten Reformen in Madrid gingen weiter, wobei die für das Volk ja eigentlich nie ein Zankapfel darstellten. Es wurde im Rekordtempo eine moderne Hauptstadt geschaffen, mit einer funktionierenden Kanalisation, Straßenbeleuchtung, breiten Alleen und so weiter. Als direkte Folge des Aufstandes wurde Madrid im Jahr 1768 in 64 Viertel eingeteilt, die alle ihren Vorsteher bekamen. Aufgabe des Vorstehers war es, Informationen über die „Stimmung“ im Volk zu sammeln und Fremde zu erfassen.
Aber auch außerhalb von Madrid sollte Spanien in die Moderne katapultiert werden. Als besonders problematisch erwies sich die Verbindung zwischen Madrid und der wichtigen Handelsstadt Sevilla im Süden des Landes. Dort liegt die bis 1.300m hohe Sierra Morena, die Andalusien von Zentralspanien abgrenzt. In dieser doch recht unwirtlichen Gegend gab es kaum Siedlungen, dafür aber viele umherziehende Banditen, die den Postkutschern das Leben schwer machten. Nun hatten die Reformer die Idee, fleißige Bauern dort anzusiedeln, die sowas wie Zivilisation in die Gegend brachten. Nur hatten die spanischen Bauern da überhaupt keinen Bock drauf, die meisten hatten ja nicht mal eigenes Land, sondern verdingten sich als Tagelöhner auf den großen Ländereien des Adels. Und jetzt kommt ausgerechnet jemand ums Eck, mit dem ich bei dieser Geschichte am allerwenigsten gerechnet habe. Da glaubt man, man hätte die größten Kuriositäten irgendwann schon mal gehört und dann kommt das hier:
Noch im Oktober 1766, als König Carlos III. in seinem Exilpalast hockt, verlangt ein Deutscher eine Audienz bei ihm. Dieser Deutsche hört auf den Namen Johann Kaspar Thürriegel, eine faszinierende Type. Auf den müssen wir mal eben etwas genauer eingehen. Geboren wurde er 1722 als Sohn eines Bauern ca. 50 km östlich von Regensburg. Also am Arsch der Welt! Zumindest hinderte ihn seine bäuerliche Abstammung auch 80 Jahre vor der Einführung der bayerischen Schulpflicht nicht daran, schreiben zu lernen. Das war nämlich sein erster Job, Schreiber. Das wurde ihm aber schnell zu öde, wie praktisch, dass Mitte des 18. Jahrhunderts überall Krieg war. So schloss er sich einem Freikorps an und zog in den Österreichischen Erbfolgekrieg. Da er nicht nur schreiben konnte, sondern auch mathematisches Talent zeigte, wurde er nicht an die Front geschickt, sondern, mittlerweile in französischen Diensten, als Geheimdienstler tätig. Spionieren, chiffrieren, Code knacken, das konnte er wohl recht gut, denn er stieg bis zu Oberstleutnant auf und später bot er seine Dienste auch den Sachsen und den Preußen an.
Und weil Thürriegel schon gut Dokumente fälschen konnte und er spätestens nach dem Siebenjährigen Krieg eh nix mehr zu tun hatte, hatte er eine Idee: Er fälschte Zeugnisse, Empfehlungsschreiben und seinen Adelstitel und bat in Aranjuez um eine Audienz. Er wäre einflussreicher, hochadeliger Experte für Kolonisation und ihm wäre zu Ohren gekommen, dass der König doch ganz dringend Siedler für die Sierra Morena suche. Er hätte da eine Idee:
Thürriegel versprach dem König, 6.000 Siedler aus Deutschland nach Andalusien zu schaffen. Für jeden dieser Siedler sollte er ein stattliches Kopfgeld kassieren. Natürlich nur katholische. Die Deutschen galten als fleißig, diszipliniert und landwirtschaftlich talentiert, wenn jemand die Sierra Morena zähmen könne, dann sie. König Carlos III. griff begeistert zu, Verträge wurden unterschrieben und nun kommt Pablo de Olavide ins Spiel, eigentlich ein peruanischer Anwalt, der abgehauen ist, weil er Gelder veruntreut haben soll, aber in Spanien über die Jahre zu einer Art Universalreformer am königlichen Hof wurde. Dieser arbeitete ein Siedlungsgesetz für die Neuankömmlinge aus, das für seine Zeit doch recht revolutionär war:
Damit (und freilich einigen großzügigen Übertreibungen) zogen Thürriegel und seine Werber nun durch süddeutsche Wirtshäuser und spielten im wahrsten Wortsinne die Bauernfänger. Den örtlichen Landesherren hat das übrigens gar nicht gefallen, eigentlich war ein Abwerben für fremde Mächte strikt verboten und Kollege Thürriegel kann froh sein, dass er nicht an nem Galgen baumelnd endete. Was glaubt ihr, wie viele Siedler haben sich dem Abenteuer letztlich angeschlossen?
Knapp 7.000 waren es, die in den Jahren 1767 und 1768 in Andalusien ankamen, nur war das nicht unbedingt eine direkte Erfolgsgeschichte. Die Siedler kamen im Hochsommer an, im andalusischen Bergland waren’s schon damals gerne mal über 40°C, was viele direkt mal mit nem Hitzschlag auf die Bretter schickte. Auch die versprochenen Häuser und Grundstücke waren nicht ansatzweise fertig, weil die spanische Bürokratie völlig überfordert war und weil die ausgebooteten Parteien Adel und Klerus Lebensmittellieferungen sabotierten, sind ziemlich viele Siedler einfach jämmerlich verreckt. Aber es wurde am Ende kein zweites Schottland, die in Panama ne Kolonie gründen wollten, sondern letztlich war das Projekt nach den Startschwierigkeiten durchaus im Rahmen erfolgreich. Noch heute gibt es in der Region eine auffällige Häufung nördlich aussehender Menschen und seit der Re-Demokratisierung Spaniens erinnern die Deutschstämmigen mit Volksfesten und Städtefreundschaften an ihre Abstammung.
Für die beiden Hauptdarsteller ging die Sache weniger glimpflich aus. Die Kirche war so mad über ihre Ausbootung, dass sie de Olavide die Inquisition auf den Hals hetzte. Wer keine Klöster duldet, kann ja kein Christ sein. Er wurde zu acht Jahren Klosterhaft verdonnert und musste währenddessen fromme Bücher lesen. Aber Klöster sind keine Festungen und so büxte er, mittlerweile 65-jährig, aus und fand bei seinem Freund Voltaire Unterschlupf.
Thürriegel wurde nicht seine Weltanschauung zum Verhängnis, sondern seine Gier. Er fälschte Abrechnungen für die von ihm angeschleppten Siedler, was die Krone allerdings merkte und ihn in Pamplona in eine Festung sperrte, wo er 1800 verarmt und vergessen starb.
Die nächsten 20 Jahre gibt’s etwas Schweinsgalopp. König Carlos III. regierte noch immer, so langsam machten sich die Reformen bemerkbar. Die Industrie im Norden des Landes wuchs verhältnismäßig bequem, auch dank der Reales Fabricas, der königlichen Manufakturen. Dort wurde allerhand Luxuskrempel, wie Teppiche, Porzellan, Glas usw. hergestellt und das sogar auf Weltniveau. Die nötigen Importe sollten damit verringert und das Silber so im Land gehalten werden. Allerdings hatten die meisten Spanier davon natürlich nix von, denn der Krempel war ausschließlich durch die Oberschicht finanzierbar. Auch das Scheitern einer Agrarreform, die die Enteignung brachliegenden Landes des Adels und der Kirche forderte, scheiterte am Widerstand der Eliten. Komisch.
Die durch die Luxusgüter gesparten Gelder wurden natürlich direkt investiert und wenn man nicht weiß, wohin mit seinem Geld, beteiligt man sich einfach an ein paar sinnlosen Kriegen. So gehörten Spanien ja noch immer riesige Länder im mittleren Westen der US-Territorien und so ließen sie sich bereitwillig in den US-Unabhängigkeitskrieg reinziehen, wo sie neben Frankreich die USA unterstützten, vor allem, um sich an den Engländern zu rächen. Spanien gewann sogar Florida zurück, verbrannte jedoch ein Haufen Geld und sendete ein sehr ungewolltes Signal in Richtung seiner eigenen Kolonien in Lateinamerika, dass es durchaus lohnenswert kann, sich gegen ein bestehendes Regime aufzulehnen.
Die letzte bedeutende Reform stammte aus dem Jahr 1778 und betraf den Handel. Seit Anbeginn der Herrschaft über Amerika hatten die Häfen in Cadiz und Sevilla das exklusive Kolonial-Handelsrecht. Dieses wurde nun aufgehoben, sodass sich insgesamt 13 spanische Häfen am Amerikahandel beteiligen konnten, was vor allem in Katalonien und dem Baskenland zu einem starken Wirtschaftsaufschwung führte.
Jetzt springen wir direkt ins Jahr…na? Nein, nicht 1789, sondern wir landen ein Jahr vorher. 1788 starb König Carlos III. Sein Nachfolger und Sohn, Carlos IV. war ein schwacher König, aber zu dem kommen wir gleich noch.
Dann folgte die französische Revolution und unter den jetzt seit bummelig 20 Jahren fortschrittlichen spanischen Eliten machte sich die blanke Panik breit. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch in Spanien die Bourbonen auf dem Thron saßen, die gleiche Sippe, die gerade in Frankreich vom Hof gejagt wurde. Und denen waren irgendwelche freiheitlichen und brüderlichen Ideen völlig zuwider. Das Ganze ging als Panik des Floridablanca in die Geschichte ein. Der war ein Graf und hoher Minister unter Carlos IV. und er sollte nun verhindern, dass revolutionäre Gedanken über die Pyrenäen nach Spanien schwappten. Nur wie sollte er das anstellen? Für eine effektive Zensur langte die spanische Bürokratie nicht hin, also erinnerte er sich kurzerhand an ein Instrument, das schon kurz davor war, in der Versenkung zu verschwinden.
Mensch, wir haben doch da hinten im Keller noch so ne Inquisition rumliegen. Kurz abgestaubt, neue Batterien rein und schon tut’s die doch wieder.
Die Inquisition hatte somit nen neuen Job. Nicht mehr Ketzer wurden nun gejagt, sondern revolutionäre Schriften aus Frankreich. Floridablanca nannte die Revolution eine „Pest, die man unter Quarantäne stellen“ müsste.
Das Verzeichnis der verbotenen Bücher wurde ruckzuck um politische Schriften erweitert, Voltaire und Rousseau standen eh schon drauf, aber jetzt landete alles auf dem Index, was auch nur im Entferntesten irgendwie mit französischer Politik zu tun haben könnte. Der Spaß ging sogar so weit, dass auch banale Alltagsgegenstände, wie Tabakdosen, Fächer, Uhren und Knöpfe beschlagnahmt wurden, nur weil eine Trikolore oder irgendwas mit „Liberté“ drauf stand.
Die Inquisition war im Endeffekt ne kirchliche Stasi. Überall im Land saßen so genannte Familiares, Laienbrüder, die nichts anderes zu tun hatten, als in ihrem Dunstkreis Informationen zu sammeln. Und jetzt kam eben das Blockieren von Informationen dazu. Jeder Hafen und jeder Gebirgspass in den Pyrenäen wurde überwacht, Post aus Frankreich wurde abgefangen und geöffnet. Franzosen, von denen es in Spanien durchaus einige gab, wurden dauerbeschattet. Wer beim Singen revolutionärer Lieder erwischt wurde, landete direkt im Kerker.
Auch die ach so stolzen Errungenschaften der letzten 20 Jahre wurden massakriert. Professoren wurde verboten, Naturrecht oder moderne Staatslehre zu lesen. Studenten sollten Professoren anschwärzen, die sich positiv über die Ereignisse in Paris äußerten. Selbst hochrangige Adelige und Minister, wie der vorhin erwähnte Graf von Aranda, waren vor dem Eifer nicht sicher und mussten sich gefallen lassen, dass ihre privaten Bibliotheken durchsucht wurden.
Und natürlich wurden die Priester im ganzen Land angewiesen, die Revolution als gottlos und teuflisch zu verurteilen. Und natürlich hat das alles nicht funktioniert! Schriften wurden einfach geschmuggelt und weil viele Spanier nicht lesen konnten, wurden sie in den Kneipen der Dörfer stumpf vorgelesen.
Die Ironie der Geschichte: Weil Floridablanca die Inquisition so offensichtlich als politisches Mittel des eh schon verhassten Königs einsetzte, verlor diese den letzten Rest moralischer Legitimation. Die Inquisition wurde nicht mehr als Verteidigungsbastion des Katholizismus gesehen, sondern als das verzweifelte Werkzeug eines panischen Regimes.
Nun war der König ja tot, leider hatte sein Sohn, Carlos IV. weder das Talent noch den Eifer des Vaters geerbt. Statt zu regieren und Papas Reformen fortzuführen, ging er lieber auf die Jagd und kümmerte sich vorrangig um sein eigenes Amüsement.
Seine Frau Maria Luise amüsierte sich auch und zwar mit einem einfachen Landadeligen namens Manuel de Godoy, der im Schatten Karls die eigentlichen Strippen zog. Dieser sollte die folgende Ära maßgeblich prägen, allerdings etwas anders, als er sich das vermutlich vorgestellt hat.
Nachdem die uns bereits bekannten Herren Floridablanca und Aranda nacheinander vor allem an der Eindämmung der Revolutionsideen scheiterten, setzte sich Königin Maria Luise dafür ein, dass Manuel de Godoy neuer erster Staatsminister wird, halt sowas wie der Premierminister.
Wenige Wochen nach dessen Amtsantritt wurde im Januar 1793 Ludwig XVI. in Frankreich hingerichtet. Spanien protestierte heftig dagegen und als Belohnung für die ständige Einmischung erklärte der französische Nationalkonvent den Spanien kurzerhand den Krieg. Nun fand sich Godoy plötzlich in einem riesigen Chaos namens „erster Koalitionskrieg“ wieder, was sich im Endeffekt am treffendsten so zusammenfassen ließ: „Alle Monarchien gegen Frankreich“ Die spanisch-französische Episode dieses Kriegs, auch Pyrenäenkrieg genannt, verlief dabei weit ruhiger als andere Schauplätze. Anfangs erzielten die Spanier beträchtliche Gebietsgewinne, ehe Frankreich die Massenwehrpflicht einführte und die Spanier – ähnlich wie die Russen heute – mit schierer Mannstärke überrannte. Wichtige Städte wie San Sebastian fielen reihenweise und der Weg der Franzosen nach Madrid war offen. Aber speaking of Chaos… Spanien und Frankreich schlossen in Basel Frieden und Frankreich bekam die Dominikanische Republik und zog sich im Gegenzug hinter die Pyrenäen zurück. Doch jetzt machte Spanien einen grotesken Fehler, der gleich mehrere Steine ins Rollen brachte:
Statt nach dem Ausscheiden aus der Koalition erstmal neutral zu sein, warf es sich direkt in ein Bündnis mit dem eben noch bekriegten Franzosen. Möglicherweise hatte Spanien nicht wirklich eine Wahl, möglicherweise wäre Neutralität als Schwäche interpretiert worden, was nicht von der Hand zu weisen war. Ebenfalls nicht von der Hand zu weisen war die persönliche Rolle von Manuel de Godoy, denn Frankreich hatte schon früh erkannt, dass dieser von persönlichen Eitelkeiten getrieben war und versprach ihm ein eigenes, souveränes Fürstentum in Portugal, falls er Spanien treu an Frankreichs Seite hielt. Godoy stimmte zu, er glaubte wohl wirklich, dass er Napoleon im Zaum halten und für seine eigenen Pläne nutzen könnte. Godoy bekam für seine „Erfolge“ (ähm…) von König Carlos IV. sogar den Titel „Friedensfürst“ verliehen.
Wenig überraschend ließ sich eine Nation das nicht wirklich gefallen, von der wir jetzt eine Weile nichts mehr gehört haben: Die Briten! Denen schmeckte das Bündnis mit Frankreich natürlich überhaupt nicht und sie begannen nun, am morschesten Ast Spaniens zu sägen.
London wusste so gut wie Madrid, dass die Gold- und Silberlieferungen aus Amerika die Lebensader des spanischen Staates waren. Ohne diese Lieferungen war eine krachende Staatspleite nur eine Frage der Zeit.
Dabei waren die zwei Blockaden des Hafens von Cadiz 1797 und 1798 relativ erfolglos. Schwerer wog da schon die Schlacht bei Kap St. Vincent, am südwestlichsten Zipfel Europas, der im Februar 1797 nicht nur vier spanische Schiffe auf den Grund des Meeres beförderte, sondern auch den späteren Weltruhm eines gewissen britischen Admirals begründete: Horatio Nelson. Der enterte eigenhändig gleich zwei spanische Linienschiffe. Direkt nach der Schlacht schufen die Briten Fakten, segelten in die Karibik und besetzten mit Trinidad die wichtigste spanische Insel in der Karibik. Die dort stationierten Spanier leisteten keinerlei Gegenwehr. 1798 fiel das strategisch äußerst günstig gelegene Menorca an die Briten.
1800 schlossen Spanien und Frankreich quasi im Geheimen den Dritten Vertrag von San Ildefonso, der nicht nur die Rückgabe von Louisiana an Frankreich regelte, sondern Spanien auch verpflichtete, im traditionell mit den Briten verbündeten Portugal einzumarschieren. Was Spanien von dem Vertrag hatte? Nun ja, Godoy sollte endlich sein Fürstentum bekommen. Vielleicht. Falls was übrig bleibt.
Portugal hatte dem nur drei Wochen dauernden Spaß natürlich überhaupt nichts entgegen zu setzen und akzeptierte recht schnell die auferlegten Bedingungen. Godoy, ganz er selbst, soll bei der Belagerung einer Festung zwei Orangen gepflückt und „seiner“ Königin mit der Botschaft geschickt haben, er sei schon bald in Lissabon. Wegen dieser Anekdote bekam die Sause später den Namen Orangenkrieg.
Interessanterweise lenkten die Briten jetzt erstmal ein und schlossen mit Frankreich (und Spanien) 1802 den Frieden von Amiens. Trinidad ging auch offiziell an die Briten, Menorca ging zurück an Spanien, Frankreich snackte sich noch ein Stück Brasilien von Portugal, das heute als Französisch-Guyana bekannt ist.
Spanien versuchte diesmal, neutral zu bleiben, hatte aber zwei Probleme: Die Armee existierte nur noch auf dem Papier und durch die britischen Handelsblockaden kamen kaum noch Schiffe aus der Karibik durch. Das wusste natürlich auch Napoleon, der nicht im Traum daran dachte, Spanien neutral zu halten. Er sicherte Spanien zu, sich neutral verhalten zu dürfen, allerdings sollte Spanien dafür sechs Millionen Franc zahlen. Pro Monat! Das sind heute übrigens ungefähr 30 Mio. €. Würde Spanien die Summe nicht zahlen, würde Frankreich sofort einmarschieren. Spanien ging auf den Kuhhandel wohl oder übel ein, was für die eh schon ramponierten Finanzen des Landes wie ein massives Buschfeuer wirkte. Zumal das den Briten selbstverständlich nicht verborgen blieb. Denen war völlig klar, dass sie den Spaniern das Geld abnehmen mussten und so versammelten sich im Oktober 1804 vor der Südküste Portugals vier britische Fregatten. Übrigens ohne vorherige Kriegserklärung, was schon damals als recht ungehobelt galt.
Die spanischen Edelmetall-Lieferungen wurden ebenfalls mit vier Fregatten transportiert, die nun von den Briten gestellt wurden. Diese übermittelten ihre Bedingungen, die Spanier gingen nicht drauf ein, sondern feuerten zwei Breitseiten auf die Briten. Diese antworteten ebenfalls mit Kanonenkugeln und nach nicht mal zehn Minuten war die Sache bereits entschieden, als eine Breitseite ein spanisches Schiff zur Explosion brachte. Das passte den Briten zwar überhaupt nicht, denn sie waren natürlich auf Beute aus, aber hilft ja nix. Die anderen drei Kapitäne waren recht schnell zur Vernunft gekommen und übergaben ihre Schiffe an die Briten, die sich mitsamt Schiff, Schatz und Spaniern auf nach England machten. Die Schätzungen des Wertes der Beute gehen weit auseinander, im heutigen Gegenwert sprechen wir da von irgendwas zwischen 135 Mio. € und 280 Mio. €. Kein schlechter Ertrag für ne halbe Stunde Kanonenballerei.
Für Spanien bedeutete das den unmittelbaren Staatsbankrott und unser alter Freund Manuel de Godoy setzte jetzt bei der Kirche an. Er zwang sie, ihre Stiftungen zu verkaufen, was nicht nur die Kirche gegen den Staat aufbrachte, sondern auch dafür sorgte, dass die Klöster und Missionen der Armenfürsorge jetzt überhaupt nicht mehr nachkommen konnten. War ne blöde Idee.
Wir hatten’s ja eingangs kurz von der Armada. Da kann man sich denken, was jetzt zwangsläufig folgen muss. Es geht wieder aufs Wasser und in eine Schlacht, die das gesamte 19. Jahrhundert maßgeblich beeinflussen sollte: Die Schlacht von Trafalger. Möglicherweise wird das jetzt etwas länger. Möglicherweise konnte der Autor sein Faible für Schiffe etwas ausleben.
Die Kaperung der Silberflotte konnte Spanien sich natürlich nicht gefallen lassen und erklärte Großbritannien mal wieder den Krieg. Am 11. April 1805 begann so der dritte Koalitionskrieg, in dem Napoleon auch die Bedrohung der Briten adressieren musste. Diese blockierten fleißig spanische und französische Häfen und Napoleon wollte die Kontrolle über den Ärmelkanal erlangen, auch, um eine eventuelle Invasion der Inselbewohner nach Frankreich im Keim zu ersticken. Und insgeheim wollte er auch direkt in England einmarschieren.
Hierfür sollten die französischen und spanischen Flotten, die von Brest und Toulon ausliefen, erstmal in die Karibik segeln, um den Briten dort auf den Sack zu gehen. Ziel war es, die britische Blockade von den Häfen wegzulocken und zu beschäftigen, während die Franzosen und Spanier zurück nach Europa segeln und dort die übrig gebliebene britische Kanalflotte hochnehmen. Das war jedenfalls der Plan.
Ausführende waren auf französischer Seite Pierre de Villeneuve, Federico Gravina für Spanien, Horatio Nelson, der die britische Blockadeflotte führte und Cuthbert Collingwood, der die Kanalflotte befehligte.
Der erste Teil ging sogar halbwegs auf. Die Blockade von Toulon konnte durchbrochen werden und Villeneuve konnte sich mit der spanischen Flotte vereinigen. Nelson bekam das erst zehn Tage später mit und biss an: Er nahm auch Kurs auf die Karibik, wo Villeneuve bereits am 14. Mai ankam, dann aber auf den Rest der Franzosen wartete, die allerdings noch immer in Brest blockiert waren. Er nutzte sein Momentum kaum aus und unternahm keine größeren Schritte gegen die britischen Kolonien. Er hätte leichtes Spiel gehabt. Als Nelson am 4. Juni in Barbados ankam, trat Villeneuve sofort die Flucht zurück nach Europa an. Nelson schickte am 12. Juni die kleine Brig-Sloop HMS Curieux voraus, um die Admiralität in Großbritannien zu warnen.
Ein kurzer Exkurs in die Grundlagen der Kriegsflotten. Villeneuve war mit voller Kapelle von ungefähr 20 Linienschiffen unterwegs. Linienschiffe waren die Schlachtschiffe des 18. Jahrhunderts, riesig groß und bis an die Zähne bewaffnet, mit teils dreistelliger Kanonenzahl drauf und fast vierstelliger Besatzung. Wir sind ja noch im Segelzeitalter, da war nix mit Turbodiesel, also waren diese Biester entsprechend schwerfällig. Die Höchstgeschwindigkeit der britischen Victory, dem Flaggschiff von Nelson, ist mit 10 kn angegeben. Unter optimalen Windbedingungen. Dazu kommt eben der Grund, warum Linienschiffe Linienschiffe heißen: Sie segeln in Linie und diese Formation musste um jeden Preis eingehalten werden und so musste man die Geschwindigkeit immer am langsamsten Schiff orientieren. Und es kann verdammt viele Gründe haben, warum ein Segelschiff langsam ist. Wind, Zustand des Schiffes, Erfahrung der Besatzung…
Die HMS Curieux von Captain Bettesworth, mit 18 Kanonen und 67 Mann besetzt, war schon in der Höchstgeschwindigkeit ca. 50% schneller und da er keine Rücksicht auf einen Flottenverband nehmen musste und die Brig viel wendiger und somit besser in den Wind zu stellen war, konnte Bettesworth das kleine, nicht mal 30 Meter lange Ding, wie ein Berserker über den Ozean prügeln. Die Curieux heißt übrigens Curieux, weil sie im Jahr zuvor den Franzosen abgenommen wurde.
Schon nach einer Woche war der Rückstand egalisiert, man sichtete die Flotte sogar am Horizont, berechnete den Kurs und schlich sich vorbei. Nach nur 25 Tagen erreichte die Curieux dann England und hatte zwei Wochen Vorsprung rausgefahren. Genug Zeit für den britischen Generalstab, sich mit der neuen Situation zu arrangieren.
Dieser gab sofort Befehl, die Blockade der Häfen Rochefort und Ferrol zu beenden und in Richtung Kap Finisterre zu segeln, dem westlichsten Punkt Spaniens. Dort sollte die britische Kanalflotte unter dem Kommando von Robert Calder Villeneuve und seine Flotte abfangen. Am 22. Juli war es soweit, 15 englische Schiffe trafen auf 20 spanisch-französische Schiffe, der Kampf ist mit „chaotisch“ recht treffend beschrieben, denn es herrschte den ganzen Tag dichter Nebel und die Schiffe sahen sich kaum gegenseitig. Auch die Flaggenbefehle waren kaum zu erkennen, weshalb einige Kapitäne ihre Linien verließen und ihr eigenes Ding machten. Die Schlacht startete erst am späten Nachmittag und war nach drei Stunden bereits wieder vorbei, als Calder den Angriff aufgrund der Dunkelheit abbrach. Zwei spanische Schiffe wurden von den Briten erobert, zwei britische Schiffe wurden relativ stark beschädigt.
Am nächsten Morgen lagen beide Flotten ca. 30 km auseinander, Calder wagte jedoch keinen weiteren Angriff auf einen immer noch zahlenmäßig überlegenen Gegner. Er musste die beschädigten Schiffe schützen und da die Häfen ja nun nicht mehr blockiert waren, fürchtete er, dass Verstärkung für die Franzosen nahen könnte. Tags drauf drehte der Wind zugunsten der Franzosen, aber auch Villeneuve wagte keinen Angriff, sondern zog sich nach Ferrol zurück. Er musste allerdings in Vigo Zwischenstation machen, um die Schiffe notdürftig zu flicken und Vorräte zu bunkern, außerdem waren gut 1.000 Mann der Besatzung schwer erkrankt. So kam er erst am 1. August in Ferrol an, was Napoleons Plan, die britische Insel direkt anzugreifen, in die Mülltonne beförderte. Die Briten hatten Zeit gewonnen und die Blockade vor dem Ärmelkanal massiv verstärken können.
Calder musste sich für seine angeblich zu zögerlichen Angriffe übrigens vor dem Kriegsgericht verantworten und wurde seines Kommandos enthoben. Das könnte man rückblickend durchaus als Fehleinschätzung werten. Denn für Napoleon bedeutete dieses Scharmützel vor Finisterre, dass Villeneuve sich nicht rechtzeitig mit der in Brest vor Anker liegenden Flotte vereinigen konnte und auch die bereits aufgestellte und wartende Invasionsarmee wurde nun von Napoleon aufgelöst und auf andere Verbände verteilt.
Eigentlich sollte Villeneuve nach Brest segeln, er schenkte allerdings Gerüchten über eine riesige britische Flotte Glauben und ignorierte Napoleons Befehle schlicht. Stattdessen segelte er nach Cadiz ins Mittelmeer, um sich dort… naja, zu verschanzen. Die lagen da jetzt halt so rum und guckten, was passiert. Napoleon muss ziemlich getobt haben und befahl Villeneuve, nach Neapel auszulaufen, da er immer noch 4.000 Fußsoldaten auf den Schiffen durch die Gegend fuhr, aber auch das ignorierte Villeneuve einfach. Erst als Napoleon Villeneuve absägen wollte, wurde der am 19. Oktober plötzlich munter und lief hektisch aus. Allerdings war mittlerweile auch Nelson aus der Karibik zurück, hatte in England Vorräte und frische Mannschaften aufnehmen lassen und machte sich auf die Socken. Ende September vereinigte er sich vor Cadiz mit der Blockadeflotte und wartete.
Als ihn die Nachricht erreichte, dass Villeneuve sich in Richtung Mittelmeer davonmachen wollte, ließ er die Verfolgung aufnehmen und am Abend des 20. Oktober begegneten sich die Flotten. Villeneuve ließ eine Gefechtslinie aufstellen und sich diese so platzieren, dass der Rückweg nach Cadiz offen stand. Wie bereits das Auslaufen dauerte der Vorgang jedoch ewig, denn ein Problem, das die vereinigte Flotte hatte, war die unerfahrene Mannschaft. Der letzte Tagebucheintrag Admiral Nelsons vom Morgen des Kampftages:
Nelson dachte nicht im Traum daran, sich ein Fernduell zu liefern. Er ließ zwei Linien bilden, die im 90°-Winkel mit Vollgas auf die feindliche Linie zufahren sollten. Das hatte zwar den Nachteil, dass man in die gegnerische Breitseite fuhr, die eigenen Schiffe boten aber ein wesentlich kleineres Ziel. Sinn dahinter war es, zwischen gegnerischen Schiffen dicht hindurchzufahren, denen gleichzeitig eine verheerende Breitseite ins Heck zu verpassen und sie dann in den Nahkampf zu zwingen. Zu Zwecken des Nahkampfs hatten die Briten relativ neu entwickelte Karronaden dabei, das waren leichte Deckskanonen, die auf kurze Distanzen für dekorative Löcher im Decksaufbau gegnerischer Schiffe sorgen konnten.
Villeneuve sah dieses Manöver sogar voraus: „Der Feind wird sich nicht damit begnügen, eine Schlachtlinie parallel zu unserer zu bilden und uns ein Artilleriegefecht liefern, dessen Erfolg oft dem Geschicktesten, aber immer dem Glücklichsten zukommt. Er wird versuchen, unsere Nachhut zu umzingeln und unsere Linie zu durchstoßen. Und er wird sich bemühen, mit Gruppen seiner Schiffe diejenigen unserer Schiffe zu umzingeln und zu überwältigen, die er abzuschneiden vermag.“
Er hatte aber nicht die Absicht, irgendwas an seiner Taktik zu ändern, sondern blieb stumpf bei seiner Linie. Um 12 Uhr durchbrach das erste britische Schiff die feindliche Linie und feuerte direkt eine Backbord-Breitseite in das Heck der Santa Ana. Ein Großteil der Besatzung war sofort kampfunfähig und das Schiff wurde im Verlauf der Schlacht von den Briten gekapert. Allerdings wäre die britische Taktik hier fast zum Erliegen gekommen, denn es dauerte eine geschlagene Viertelstunde, bis das zweite Schiff durch die Linien brach und währenddessen wurde das erste Schiff von fünf Gegnern ins Kreuzfeuer genommen, überstand dieses aber wundersamerweise ohne größere Schäden.
Auch die zweite Division mit Nelson auf der Victory durchbrach kurze Zeit später die Linie und setzte eine Breitseite ins Heck von Villeneuves Schiff, der direkt zweihundert Matrosen zum Opfer fielen und das Schiff quasi kampfunfähig schoss. Aber auch die Victory kassierte einige Treffer. Bei deren Enterversuch und dem sich daraus entwickelnden Nahkampf erlitt Admiral Nelson einen Musketentreffer, an dem er im Laufe des Nachmittags verstarb.
Einige französische Schiffe bekamen von dem Gefecht entweder nichts mit, oder verpissten sich einfach. Nur wenige Schiffe leisteten Villeneuves Rückholbefehl Folge, doch die Briten begrüßten die Neuankömmlinge direkt heftig, weshalb diese überhaupt keine Wirkung hatten.
Gegen 16:30 Uhr befahl der spanische Admiral Gravina denjenigen Schiffen, die dazu noch in der Lage waren, den Rückzug in Richtung Cadiz. Damit endete die Schlacht. Franzosen und Spanier verloren insgesamt 18 Schiffe, von denen 17 den Briten in die Hände fielen, und hatten 2.458 tote und 2.781 verwundete Matrosen zu beklagen. Durch einen Sturm, der fast eine ganze Woche andauerte, starben weitere 2.700 Mann, die sich als Gefangene auf den durch die Briten gekaperten Schiffe befanden. Dem Sturm fielen außerdem neun gekaperte Schiffe zum Opfer. Die Briten verloren 458 Matrosen, hatten 1.208 Verwundete, verloren aber kein einziges Schiff.
Von den Verlusten konnte die französische Marine nur einen Teil der Schiffe ersetzen, die Spanier bauten nie wieder ein großes Linienschiff. Die Royal Navy hatte endgültig die Seeherrschaft und sollte diese das gesamte 19. Jahrhundert hindurch behalten.
Die Gründe für den Sieg der Briten waren vielfältig: Sie verfügten über die besser ausgebildeten Seeleute und Nelson achtete peinlich genau auf Sauberkeit und darauf, dass genügend Vorräte an Bord waren. Auch die damals neuartige Taktik, die später eher umgedreht wurde und als „Crossing the T“ bekannt wurde, spielte eine große Rolle. Villeneuve wusste zwar, was Nelson tun würde, ihm fehlte aber eine wirksame Strategie dagegen. Außerdem hatten die Briten die modernere Technik. Während Spanier/Franzosen ihre Kanonen noch mit Luntenspießen anzündeten, hatten die Briten bereits einen Steinschlossmechanismus. Dadurch konnten ihre Kanonen alle 90 Sekunden abfeuern, während Spanier/Franzosen vier bis fünf Minuten pro Schuss benötigten.
Nach der Schlacht von Trafalger war Spanien nicht nur immer noch pleite, sondern hatte auch keine Marine mehr. Die einstige See- und Kolonialmacht wurde von den Engländern (und von Napoleons Größenwahn) auf Gardemaß zurechtgestutzt.
Manuel de Godoy hat das politisch tatsächlich überlebt, aber der Druck wurde stärker. Seine zahlreicher werdenden Gegner gaben ihm die Schuld am immensen Verlust von Menschen und Schiffen und forderten ihn auf, das Bündnis mit Frankreich aufzulösen. Was machte Godoy daraufhin? Richtig, er erklärte Frankreich den Krieg.
Aber ich sach ma so… Napoleon muss sich totgelacht haben, denn er ignorierte diese Kriegserklärung einfach und forderte Spanien bereits Anfang 1807 stattdessen auf, ihm 15.000 Soldaten für den Krieg gegen Preußen und Russland zu schicken. Was Spanien auch tat.
Und dann war da noch Portugal, das nach dem Sieg der Briten bei Trafalger die Beziehung zu ihnen eigenmächtig wieder herstellte. Im Oktober 1807 schlossen Spanien und Frankreich Frieden und Godoy handelte den Vertrag von Fontainebleau aus, in dem Spanien Frankreich freien Durchzug für die Eroberung Portugals gestattete. Portugal würde zwischen Frankreich und Spanien aufgeteilt werden und Godoy würde endlich sein eigenes Fürstentum bekommen. Vielleicht. Was Godoy nicht ahnte: Napoleon installierte mit der Zusicherung auf freien Zug einen Trojaner auf Spaniens Festplatte.
Ebenfalls im Oktober nahm Fernando VII, seines Zeichens spanischer Kronprinz, Kontakt zu Napoleon auf. Er hasste Godoy bis aufs Blut und hatte (vermutlich berechtigte) Sorge, dass er im Falle des Ablebens seines Vaters nicht König würde, sondern einfach der eh schon allmächtige Godoy die Krone übergestülpt bekommen würde. Er bot Napoleon an, in die Familie Bonaparte einzuheiraten, um so das französisch-spanische Bündnis zu erneuern. Nur hatte Godoy eben blöderweise überall Spione und eines Tages platzte Papa beim Junior ins Zimmer, fand die Briefe und ließ Fernando direkt verhaften. Dieser knickte recht schnell ein und verriet seine Mitverschwörer, die wenig überraschend aus dem mittlerweile so gut wie kaltgestellten Hochadel kamen und unterwarf sich seinem Vater. Auch, um einer Todesstrafe zu entgehen, denn auch das war ein astreiner Hochverrat.
In der Zwischenzeit waren auch die Franzosen unterwegs. Während sie eigentlich auf dem Weg nach Portugal waren, besetzten sie nebenbei wichtige Festungen in Nordspanien. Naja, Navis gab’s ja noch keine, kann man sich ja schon mal verlaufen. „Und wo wir dann schon mal hier sind, tut uns doch den kleinen Gefallen und verpisst euch gefälligst, sacre bleu!“. Godoy hatte Napoleon Spanien quasi auf dem Silbertablett serviert.
Carlos IV. und die Königsfamilie flüchteten nach Aranjuez, das kennen wir ja bereits. Er plante, seinen Thron in ein sicheres Land zu verlegen, sowas wie Mexiko. Davon bekam nun die Bevölkerung Wind und den Sturm des Volkes erntete, man wäre fast geneigt zu sagen, „endlich“, Manuel de Godoy. Dieser war ebenfalls in Aranjuez und eine aufgebrachte und angeblich von Kronprinz Fernando VII. bezahlte Menge wollte ihn direkt mal lynchen. Er versteckte sich zwei Tage lang in einer zusammengerollten Matte auf dem Dachboden und als er aus seinem Versteck gekrochen kam, wurde er mächtig vermöbelt, bis Fernando VII. sich als Retter Godoys inszenierte und ihn abtransportieren (und verhaften) ließ. Die Meute arbeitete sich zum König vor, der gezwungen wurde, Godoy auch formell abzusetzen. Außerdem, da sie gerade dabei waren, musste Carlos IV. auch direkt abdanken und Fernando VII. wurde neuer König von Spanien.
Das wiederum passte den Franzosen nun überhaupt nicht, denn die konnten mit der vorherigen Situation eigentlich ganz hervorragend leben. Also marschierten sie nur vier Tage danach in Madrid ein und als tags drauf Fernando VII. als neuer König in Madrid einzog, interessierte das die Franzosen herzlich wenig. Sie erkannten ihn schlicht nicht als König an. Das Volk hingegen war recht euphorisch, Fernando VII. gab ihnen neue Hoffnung, dass die lähmende Herrschaft seines Vaters endlich vorbei wäre. Nur dachten die Franzosen halt überhaupt nicht an eine Zusammenarbeit, sondern machten sich einfach weiter in Madrid breit. Napoleon schickte seinen Berater, einen General Savary, der Fernando VII. zu einem Treffen überreden sollte. Das funktionierte auch, Savary erzählte ihm einfach, dass Napoleon ihn als König anerkennen und er eine französische Prinzessin heiraten solle.
Trotz der Warnungen seiner Berater reiste Fernando VII. am 10. April ab, das Treffen sollte in Bayonne, in Südfrankreich stattfinden. Nach ihm reiste noch jemand in Richtung Bayonne ab, nämlich sein Vater Carlos IV., Königin Maria Luisa und – natürlich – Manuel de Godoy. Ende April kam es also zur kuriosen Situation, dass die gesamte spanische Königsfamilie in Frankreich festsaß – de facto als Gefangene Napoleons. Sie durchschauten noch immer nicht dessen Plan, bei einem gemeinsamen Essen am 30. April sollen sich Vater und Sohn fast an die Gurgel gegangen sein und die Königin soll ihren Mann sogar angewiesen haben, ihn mal zünftig mit dem Zepter zu vermöbeln. Fernando VII. weigerte sich standhaft, dem Alten die Krone zurückzugeben, weil er genau wusste, dass er das Volk hinter sich hatte. Napoleon schaute sich das Spektakel höchst zufrieden an, es verlief alles nach Plan.
Weniger nach Plan verliefen in diesen Tagen die Ereignisse in Madrid. Die Franzosen waren mittlerweile mit ungefähr 50.000 Mann in der Stadt und benahmen sich wie ne offene Hose. Sie klauten Lebensmittel, respektierten die spanischen Gebräuche kein Stück und in den Kneipen kamen es allabendlich zu Prügeleien und Messerstechereien. Darüber hinaus befahl der Oberbefehlshaber für Madrid, General Murat, den Rest der Königsfamilie, darunter die nicht volljährigen Kinder, ebenfalls nach Frankreich zu verschleppen. So machte das Gerücht die Runde, dass Napoleon die spanische Krone komplett abschaffen wollte. Und dann folgte das, was als Dos de Mayo in die Weltgeschichte einging:
Am Morgen des 2. Mai 1808 fuhr eine Kutsche am königlichen Palast vor, um die Königskinder abzutransportieren. Vor dem Palast bildete sich eine wütende Menschenmenge und als diese sich daran machte, den Palast zu stürmen, ließ Murat ohne jegliche Vorwarnung Kartätschen (Kanonenschrot) in die unbewaffnete Menge feuern. Somit war Madrid ein weiteres Mal angezündet!
Sofort brach ein völlig unkoordinierter und absolut wilder Volksaufstand aus. Jeder Madrilene ging auf jeden französischen Soldaten los, dem er habhaft werden konnte. Alte Jagdgewehre, Kohlenpfannen, Küchenmesser… es war wieder alles am Start, womit man einem Franzosen zur Not weh tun konnte. Zwei spanische Offiziere widersetzten sich dem Befehl, in den Kasernen zu bleiben und nichts zu unternehmen und begannen, Waffen an die Aufständischen auszugeben. General Murat fackelte nicht lange und setzte Mamluken ein. Syrische und türkische Elite-Reiter, die das Zentrum der Stadt stürmen und alles niedermetzeln sollten, was sich ihnen in den Weg stellte. Gegen Nachmittag kehrte Ruhe ein, schätzungsweise 450 Bürger segneten in der Aktion das Zeitliche, aber auch die Franzosen, die ja erst völlig überrascht wurden, verloren zwischen 150 und 250 Soldaten.
Murat wollte sich das nicht bieten lassen und erließ noch abends ein Dekret „Jeder Spanier, der mit einer Waffe – und sei es nur ein Taschenmesser – aufgegriffen wird, wird erschossen.“ In der Nacht auf den 3. Mai wurden schätzungsweise 100 bis 150 Spanier auf diese Art in kleinen Gruppen zusammengetrieben und standrechtlich exekutiert.
Was glaubt ihr, war das französische Vorgehen dazu geeignet, die Situation zu beruhigen?
Haha! Auftritt Andrés Torrejón, seines Zeichens Bürgermeister von Móstoles, einem kleinen Dorf südwestlich von Madrid. Dieser bekam Wind von den Vorgängen in Madrid und unterschrieb kurzerhand eine waschechte Kriegserklärung gegenüber Napoleon.
„Als Spanier ist es notwendig, dass wir für den König und für das Vaterland sterben, indem wir uns gegen jene Verräter bewaffnen, die uns unter dem Deckmantel der Freundschaft und des Bündnisses ein schweres Joch auferlegen wollen, nachdem sie sich der erhabenen Person des Königs bemächtigt haben.
Lasst uns also voranschreiten und aktive Maßnahmen ergreifen, um so viel Hinterlist zu bestrafen, indem wir Madrid und den übrigen Ortschaften zu Hilfe eilen und uns Mut zusprechen; denn es gibt keine Streitmacht, die sich gegen jene durchsetzt, die treu und tapfer sind, so wie es die Spanier sind.“
Er rief die Gemeinden im Süden und Westen dazu auf, sofort zu den Waffen zu greifen und Widerstand zu leisten. Diese Nachricht wurde mit Kurieren im ganzen Land verteilt und in jedem Rathaus verlesen, schon einen Tag später war der Brief in halb Andalusien bekannt. Kaum eine Gemeinde nahm nach diesem Brief noch Befehle von einem Franzosen entgegen. Und so, liebe Kinder, entstand das, was wir heute als Guerilla-Krieg kennen.
Aber zurück nach Bayonne. Dort bekam natürlich auch Napoleon mit, was in Madrid vor sich ging und so war ihm klar, dass er schleunigst Fakten schaffen muss. Am 5. Mai rief er Carlos IV. zu sich und machte ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Er bot König und Königin ein Schloss in Frankreich und eine astronomisch hohe Rente von 30 Mio. Reales pro Jahr an, falls er auf die spanische Krone verzichte. Das sind nach heutiger Kaufkraft umgerechnet ungefähr 200 bis 300 Mio. €. Jährlich! Carlos, der ja eh keinen Bock auf das Leben als Regent hatte, schlug sofort begeistert ein.
Am nächsten Morgen nahm Napoleon sich Fernando VII. vor. Bei ihm lief das ganze weniger zimperlich: „Entweder du gibst die Krone an deinen Vater zurück (natürlich wusste Fernando nichts von den Ereignissen am Vortag), oder Moment mal… du hast doch da diesen Aufstand angezettelt… möchtest du dir mal diese nagelneue Guillotine aus der Nähe anschauen? Auch Fernando VII. war das Hemd letztlich näher als die Hose und er willigte in Napoleons Bedingungen ein. Und auch ihm ging es nicht allzu schlecht: Während sein Volk einen Guerilla-Krieg gegen die damals mächtigste Armee der Welt ausfocht, ritt er zur Jagd und ließ es sich gutgehen. Er soll auch Briefe an Napoleon geschrieben haben, in denen er ihn für seine militärischen Erfolge quer über Europa beglückwünschte.
Napoleon hatte natürlich absolut kein Interesse daran, sich persönlich mit dem Pulverfass Spanien herumzuschlagen. Er setzte kurzerhand seinen Bruder Joseph Bonaparte auf den Thron und ab Juni 1808 regierte dieser als José I. und vor allem als Marionettenkönig. Im Volk wurde er aufgrund einer unterstellten Alkoholsucht schon bald als Pepe Botella bekannt – Flaschensepp.
Und der Geist war recht schnell aus der Flasche. Napoleon setzte seinen Bruder auf ein Pulverfass und warf mit der erzwungenen Abdankung beider Könige direkt noch das Streichholz rein.
Die Taktik der Spanier war genau das, weswegen der Guerilla-Krieg heute so heißt: Kleine, lokale Gruppen, die sich nicht im offenen Feld stellten, sondern schnell aus dem Hinterhalt angriffen, Versorgungslinien attackierten und sich dann schnell in die Berge zurückzogen.
Die Franzosen versuchten, der Lage mit „Expeditionen“ in den Südwesten Herr zu werden. So auch direkt im Juli 1808, als General Dupont den Befehl bekam, Cadiz einzunehmen. Das kennen wir doch noch?! Dort lag noch immer ein Rest der französischen Trafalger-Flotte rum und wurde immer noch von den Briten blockiert. Die Spanier waren jetzt ja auch keine Freunde mehr, also sollte Dupont mit ungefähr 15.000 Soldaten gegen Cadiz ziehen und die Flotte befreien. Nur verkannten die Franzosen noch immer, was die Stunde geschlagen hat und so zog Dupont nicht direkt gegen Cadiz, sondern plünderte erstmal vier Tage lang seelenruhig Cordoba. Dies bekamen natürlich auch andere spanische Städte mit und so machte sich flugs ein Kommando aus Sevilla auf die Socken nach Cadiz, um die französischen Schiffe kurzerhand zu bombardieren. Nach fünf Tagen ergaben diese sich und da Dupont nun keinen Grund mehr für den Weitermarsch in Richtung Cadiz hatte und sich auch in seiner Gegend Angriffe von spanischen Milizen mehrten, zog er sich mit seiner Truppe in die Sierra Morena zurück, um dort auf Verstärkung aus Madrid zu warten. Die Sierra Morena kennen wir auch schon, das ist das Gebirge, in dem die deutschen Auswanderer angesiedelt wurden.
Aus Granada, relativ genau südlich von Duponts Aufenthaltsort kam nun Francisco Castaños mit 33.000 Mann und wollte Dupont ans Leder. Diese Armee bestand aus regulären Soldaten, Milizionären und notdürftig bewaffneten Bauern. Dupont bekam zwar mittlerweile Verstärkung durch General Vedel, sodass ihm insgesamt 24.000 Mann zur Verfügung standen, allerdings kamen die Franzosen furchtbar langsam voran, denn sie hatten aus Cordoba nicht nur 1.200 Verletzte mitgebracht, die sie durch die sengende Hitze schleppen mussten, sondern auch noch 500 Wagen Beutegut und es wär‘ doch echt schad‘ drum… Kurz gesagt: Castaños gelang es, die Franzosen einzukreisen und zur Kapitulation zu zwingen. Die Franzosen verloren über 2.000 Mann, die Spanier gerade mal knapp über 200. Und die Franzosen verloren den Nimbus der Unbesiegbarkeit, denn diese Schlacht bei Bailén war tatsächlich die erste Niederlage Napoleons auf dem Schlachtfeld.
Als Joseph Bonaparte davon erfuhr, verließ er Madrid überstürzt und verschanzte sich erstmal wieder in Nordspanien. Quasi zeitgleich landete in Portugal eine andere, genauso wenig willkommene Überraschung: Sir Arthur Wellesley, Duke of Wellington! Den Kollegen kennt man vor allem als derjenige, der in der Schlacht bei Waterloo den Oberbefehl über die britischen Truppen hatte und die Stellung so lange erfolgreich halten konnte, bis Blücher mit preußischer Verstärkung eintraf.
Aber erstmal prügelte er jetzt die Franzosen aus Portugal raus. Seine Vorgesetzten ermöglichten den Franzosen dann aber den freien Abzug und sogar die Beute durften sie behalten, was in England nur mäßig begeistert aufgenommen wurde.
Derweil erklärte Napoleon das Thema Spanien notgedrungen zur Chefsache, marschierte mit 200.000 Mann der Grande Armee in Spanien ein, wischte den Widerstand quasi widerstandslos beiseite und jagte die Briten zurück an die Küste. Und Anfang 1809 ging er wieder, der Napoleon, denn die Österreicher wollten da auch noch ne Rechnung begleichen.
Kaum war Napoleon weg, gingen die Spanier wieder ihrem Tagwerk nach: Bauern, Hirten, Priester und sonstiges Landvolk schloss sich zu Banden zusammen und machte den Franzosen das Leben wieder zur Hölle. Die Städte hatten die Franzosen mittlerweile unter Kontrolle, aber sobald sich ein französischer Soldat außerhalb der Stadtmauern aufhielt, schwebte er sofort in Lebensgefahr.
Auch in Portugal versuchten sie es nochmal, aber Wellington kam einfach zurück und vermöbelte die Franzosen ein zweites Mal. Diesmal mussten sie sich ohne Beute vom Acker machen. Die Briten machten sich daraufhin dran, mit den spanischen Guerillas zusammenzuarbeiten. Wer über die Zusammenarbeit mehr wissen will, GAG hat vor nicht allzu langer Zeit davon erzählt. [ii]
Nachdem die Franzosen 1811 ein weiteres – und letztes – Mal von Wellington aus Portugal geprügelt wurde, beschließt dieser, die Sache endgültig zu regeln. Portugal war befreit, jetzt könnte doch die nach Brasilien geflüchtete Königsfamilie nach Lissabon zurückkehren, aber die machte weitere zehn Jahre lang überhaupt keine Anstalten und so zuckten die Briten kurz mit den Schultern und installierten General William Beresford als eine Art Statthalter. Dieser nutzte die Gunst der Stunde und zog ne astreine Militärdiktatur auf, die zehn Jahre lang Bestand haben sollte.
A propos Gunst der Stunde: Bereits im September 1808 bildete sich im nicht besetzten Teil Spaniens eine Art Gegenregierung, die bis zum Jahre 1812 die so genannte Verfassung von Cadiz ausarbeitete, die für ihre Zeit erstaunlich liberal war und im Falle der Re-Installation Fernandos VII. auf dem spanischen Thron in Kraft treten sollte.
Wellington allerdings wollte jetzt endgültig Ruhe und zog in Richtung Spanien, um die Franzosen wieder zurück über die Pyrenäen zu scheuchen. Dabei kam ihm vor allem der Umstand zugute, dass Napoleon mittlerweile große Teile der Grande Armee für seinen Russlandfeldzug brauchte und keine signifikante Verstärkung mehr nach Spanien schicken konnte. Und doch konnte Wellington nicht ungestört vorrücken, die Franzosen entschieden immer wieder einzelne Gefechte für sich. Die Vorentscheidung fiel in der Schlacht bei Salamanca im Juli 1812. Joseph Bonaparte erkannte, dass jeder Mann gebraucht würde und wollte seine Armee mit der von General Marmont vereinigen. Die Briten fingen diese Ankündigung allerdings ab und Wellington ergriff seinerseits die Initiative, denn er wusste ziemlich sicher, dass eine vereinte französische Armee zu stark sei. Bei Salamanca ging sein Plan auf und er schlug die Franzosen vernichtend. Noch vernichtender fiel die entscheidende Schlacht bei Vitoria im Juni 1813 aus: Die französische Verteidigungslinie brach quasi im Zeitraffer zusammen und es entwickelte sich eine völlig chaotische Flucht. Dabei behinderten die Franzosen sich selbst, denn sie hatten tausende Planwagen mit reicher Beute dabei, die ihnen ihre eigenen Rückzugswege versperrten. Den Briten fielen nicht nur über 150 Kanonen in die Hände, statt die angeordnete Verfolgung aufzunehmen, labten sich die britischen Soldaten lieber an der zurückgelassenen Beute, was Wellington in seinem Bericht zu der Bemerkung veranlasste, der britische Soldat sei der Abschaum der Erde. Schätzungen zufolge ließen die Franzosen Beute im heutigen Wert von 150 Mio. € zurück. Plus die Kanonen. Für die Franzosen war das Abenteuer Spanien kurz darauf beendet und Spanien war wieder befreit. Napoleon schrieb später, dass Spanien sein größter Fehler war und ihn ins Verderben stürzte.
Fernando VII. kam aus der französischen Gefangenschaft frei und da der alte Carlos absolut kein Interesse mehr an der Krone hatte, sondern sich lieber noch ein paar faule Jahre in Italien machte, war es ein Leichtes, die Krone von Joseph Bonaparte zurückzuerhalten.
Und es könnte doch ein so märchenhaftes Ende sein, der König vom Volk geliebt, das Volk, das für ihn gekämpft und gelitten hat und sogar eine Verfassung in den Händen hielt. Tja… kaum betrat Fernando VII. wieder spanischen Boden, erklärte er sämtliche legislativen Änderungen seit 1808 kurzerhand für nichtig. Auch die Verfassung von Cadiz. Wer es wagte, die Verfassung zu unterstützen, fand sich im Knast wieder. Oder gleich am Galgen. Auch Spanier, die unter Joseph Bonaparte (oft aus reinem Pragmatismus) in Verwaltungen gearbeitet hatten, wurden erbittert gejagt. Die Inquisition wurde auch nochmal aus dem Sack gezogen, sogar die Jesuiten wurden wieder zugelassen und die Pressefreiheit wurde wieder abgeschafft. Das Land befand sich im Sauseschritt auf dem Weg in ein absolutistisches Konstrukt, das selbst Fernandos Großvater, Carlos III. zu reaktionär gewesen wäre.
Auch wirtschaftlich ging es Spanien richtig dreckig, denn das Machtvakuum während der Kriege und dem Chaos, das Fernando VII., anrichtete, sorgte dafür, dass nichts mehr ging. Ein großes Problem: Nach dem Desaster von Trafalger und den folgenden Kriegen hatte man weder eine einsatzbereite Marine, noch Geld und schon gar keine Zeit, sich eine zu bauen. Blöderweise ging in Südamerika aber gerade die Luzi ab und die dortigen Kolonien erklärten sich reihenweise für unabhängig. Also brauchte Spanien dringend Schiffe, um Simon Bolivar und Konsorten eins überzubraten.
Fündig wurde man in Russland. Die Berater des Königs versprachen ihm eine „Sofort-Flotte“, bestehend aus fünf mittelgroßen Linienschiffen und drei Fregatten. Die Berater waren nicht etwa der Marineminister, oder irgendwelche Schiffsbauingenieure, sondern die so genannte Kamarilla – eine informelle Ansammlung von windigen Adeligen, die um Fernando VII. schwirrte, wie die Fliege um den Haufen. Man kann sich ja schon denken was passiert. Im August 1817 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet, für den Schnapper von 68 Mio. Reales sollten die Kähne nach Cadiz geliefert werden. Der Witz an der Sache: Spanien hatte die Kohle eigentlich gar nicht, das Geld stammte aus einer Entschädigung, die die Briten den Spaniern dafür zahlten, dass sie den Sklavenhandel offiziell abschafften. Um diese Summe von 8,5 Mio. Reales pro Schiff mal einordnen zu können: Ein Linienschiff aus heimischer Produktion gab’s damals für ungefähr 5 Mio. Reales. Na blöd, wenn man ganze Bevölkerungsschichten wegsperrt und ins Exil drängt, dann fehlen halt auch Leute, die dir ein Schiff zimmern. Oder dir nen Döner verkaufen, oder deine Temu-Bestellung bringen. Aber Spanien-Anhalt wird das vor der nächsten Landtagswahl sicher berücksichtigen…
Nuja, selbst wenn die Schiffe zu teuer waren, immerhin waren sie sofort verfügbar. Nur wurde da möglicherweise jemand kräftig über den Tisch gezogen. Im Oktober 1817 machten sich in Tallinn tatsächlich acht Schiffe auf den Weg. Gebaut aus Kiefernholz, was für die kalten nordischen Gewässer leidlich funktionierte, für das Mittelmeer und die Karibik aber völlig unbrauchbar war. Hätten die Spanier die Dinger selbst gebaut, hätten sie heimische Eiche, oder das sonst bevorzugte, kubanische Mahagoni-Holz nehmen können. Ihre Flaggschiffe ließen die Spanier seit Generationen in Kuba fertigen.
Noch dazu waren die Schiffe in einem verheerenden Zustand. Allein die Überfahrt dauerte vier Monate, weil unterwegs immer angehalten und notdürftig repariert werden musste. Das Holz war bereits so morsch und von Pilzen befallen, dass es noch in Tallinn zentimeterdick mit Teer bestrichen wurde, damit die Mängel nicht auffallen. AU hätte sicher auch ne A-Klasse machen können. Die Segel waren quasi mottenzerfressen, in den Decks klafften teils faustgroße Löcher. Als das Zeug im Februar 1818 in Cadiz eintraf, schüttelten die spanischen Experten nur ein Mal kurz mit dem Kopf: „Schwimmender Sperrmüll!“ war das wenig schmeichelhafte Urteil und das für das Doppelte des Preises, wenn man die Dinger selbst gebaut hätte. Fernando VII. beschwerte sich bei Zar Alexander I., der peinlich berührt drei gute Fregatten gratis hinterher schickte. Aber was soll man mit drei Fregatten… der Rest der Schiffe wurde kurze Zeit später verschrottet, nur die Kanonen erwiesen sich als robust und sehr brauchbar, man befestigte einfach die Küsten damit. Das Geld landete auch nur zur Hälfte bei den Russen, die andere Hälfte verschwand in den Taschen korrupter russischer Diplomaten und windiger spanischer Königsberater. Die Russen forderten die Restsumme noch ein Jahrzehnt lang erfolglos ein.
1820 sollte die Armee auf diesen Seelenverkäufern nach Lateinamerika geschickt werden, die hatte aber so gar keinen Bock drauf. Der Zustand der Wirtschaft machte auch vor dem Sold nicht halt und nicht wenige Soldaten hatten nackte Angst, mit den nicht seetauglichen Schiffen elendig abzusaufen. Also zettelten sie eine Meuterei an, die sich auf einen erneuten Bürgeraufstand ausweitete. Und der König? Der knickte ein, schwor auf die Verfassung von Cadiz und sprach den berühmten Satz: „Lasst uns freimütig voranschreiten, und ich als Erster, auf dem konstitutionellen Pfad.“
Insgeheim jedoch bettelte er halb Europa an, man möge ihm doch helfen und die Heilige Allianz, bestehend aus Russland, Preußen, Österreich und Frankreich sagte zu. Übrigens ist dieses Bündnis quasi als so ne Art EU des 19. Jahrhunderts geplant gewesen, machte sich dann aber in erster Linie an die Aufgabe, monarchistische Strukturen zu schützen und freiheitlichen Liberalismus im Keim zu ersticken. Wie praktisch, da hätten wir doch direkt ne Aufgabe… Frankreich sagte im Jahre 1823 tatsächlich 100.000 Soldaten zu, die auch direkt in Spanien einmarschierten und diese Revolution vom Acker fegten. Die Briten, Beobachter der Heiligen Allianz zeigten dem Vorhaben nen Vogel und erkannten im Gegenzug sämtliche ehemalige Kolonien Südamerikas als unabhängige Staaten an. Bereits 1825 hatte Spanien sämtliche Kolonien Lateinamerikas aufgeben müssen.
Im Anschluss kam Ferdinand VII. abermals wie der Phönix aus der Asche auf den Thron und jagte nun alles, was auch nur entfernt liberal aussah. Sogar Schulen und Universitäten wurden zeitweise geschlossen, weil er in der Bildung des Volkes eine Gefahr für seine Macht sah.
Spanien war auf dem Weg zu einem Role-Model eines Arbeiter- und Bauernstaates und als Fernando VII. 1833 starb, stürzte das Land endgültig ins Chaos, denn er hatte noch dazu keinen männlichen Erben. Er wollte, dass seine Tochter Isabella II. das Land regiert, sein noch reaktionärerer Bruder wollte die Krone für sich. Ergebnis waren die so genannten Karlistenkriege, ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg, der Spanien bis ins 20. Jahrhundert beschäftigen sollte. Fernando VII. hat Spanien in Rekordzeit den Todesstoß verpasst, die Kolonien verjubelt und das Kernland in den Absolutismus zurückgeprügelt. Well played.
[i] http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz86.html
Sensationell.
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Zum Glück wurde mir das vorgelesen. ![]()
Verrückte Story und als einfach so Mal ein Typ aus Niederbayern auftaucht hab ich mich schon gefragt welche Pointe noch kommen wird.
Verrückte Story und als einfach so Mal ein Typ aus Niederbayern auftaucht hab ich mich schon gefragt welche Pointe noch kommen wird.
Was meinste, wie blöd ich bei der Recherche geglotzt habe. ![]()
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