Die Maschinen die es nicht gab - Der Flowtex-Skandal
Manfred Schmider feiert seinen 50. Geburtstag wie ein König. Über 300 Gäste empfängt er in seiner Villa auf dem Turmberg bei Karlsruhe, Champagner fließt in Strömen, es gibt Hummer und Kaviar – das Buffet liefert Feinkost Käfer, per Hubschrauber eingeflogen – und kurz vor Mitternacht zündet Big Manni, wie ihn seine Freunde nennen, zu Wagner-Musik ein Feuerwerk. Die Feier kostet mehr als eine halbe Million Mark. Unter den Gästen: der frühere Ministerpräsident Lothar Späth, der die Laudatio hält, sowie weitere Landes- und Kommunalpolitiker. Ein paar Monate später, im Februar 2000, stehen statt Partygästen über 100 Fahnder vor der Tür.
Was dazwischen liegt, ist einer der größten Fälle von Wirtschaftskriminalität in der Geschichte der Bundesrepublik.
Schmiders Idee ist real und gut. Er entdeckt 1986 auf einer Reise in die USA eine Horizontalbohrmaschine die unterirdisch Leitungen verlegt, ohne dass die Oberfläche geöffnet werden muss – kein aufgerissenes Pflaster, keine Straßensperrungen, kein Lärm. Er kauft die Lizenz, gründet Flowtex in Ettlingen bei Karlsruhe, und das Geschäft läuft. Die Maschinen sind teuer aber nützlich, die Nachfrage wächst, Flowtex entwickelt sich zu einem respektablen Unternehmen.
Das Geschäftsmodell ist ebenfalls solide: Flowtex verkauft Bohrsysteme an Leasinggesellschaften und least sie sofort zurück. Die Leasinggesellschaften bekommen ihre Raten, Flowtex behält die Maschinen und kann weiterarbeiten, Banken finanzieren das Ganze mit Krediten. Alles legal, alles normal.
Dann bemerkt Schmider irgendwann etwas. Es genügt, einer Bank eine Rechnung über eine Maschine und ein Besitzdokument zu schicken – schon überweist die Bank den Kaufpreis. Selbst wenn die Maschine gar nicht existiert.
Er probiert es aus. Es funktioniert.
Was folgt ist kein ausgeklügelter Masterplan sondern ein Schneeballsystem das langsam außer Kontrolle gerät. Am Anfang überbucht Schmider ein paar Verträge um Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Dann ein paar mehr. Dann braucht er neue Verkäufe um alte Leasingraten zu finanzieren, und neue Kredite um neue Verkäufe zu ermöglichen. Das Rad dreht sich, immer schneller, immer größer.
Das handwerkliche Fundament dieses Milliardenbetrugs ist dabei erschütternd simpel: eine Prägemaschine und ein Vorrat an Blanko-Typenschildern. Vor Jahresabschlussprüfungen bringen Mitarbeiter einfach neue Zulassungsplaketten mit neuen Seriennummern auf denselben Maschinen an. Die gleiche Maschine taucht in den Unterlagen verschiedener Leasinggesellschaften auf, jede überzeugt dass sie ihr gehört. Am Ende existieren 270 Bohrsysteme in der Realität – und 3400 auf dem Papier.
Das ist kein Hightech-Betrug. Das ist eine Prägemaschine und die Hoffnung dass niemand nachschaut. Und es funktioniert – weil in Deutschland ein offizielles Typenschild eine fast mystische Glaubwürdigkeit besitzt. Ein Schild mit Seriennummer ist kein Gegenstand, es ist ein Dokument. Und Dokumente zweifelt man nicht an.
Niemand schaut genauer nach. Nicht die Wirtschaftsprüfer, nicht die Leasinggesellschaften. Und vor allem nicht die Banken. Über Jahre überweisen sie Hunderte Millionen Mark für Maschinen die sie nie gesehen haben, nie inspiziert haben, nie auch nur gesucht haben. Eine einzige Inaugenscheinnahme, ein einziger Mitarbeiter der zum angegebenen Einsatzort fährt und nachfragt – und das System kollabiert sofort. Stattdessen vertrauen sie auf Rechnungen, Dokumente, Seriennummern. Und auf den Mann der die Raten immer pünktlich zahlt.
Schmider war ein Meister darin, Maschinen dort „einzusetzen“, wo Politiker sie sehen konnten. Oft wurden Baustellen nur für die Kamera inszeniert. Die Politiker standen mit Helm und Schaufel daneben, während im Boden eine der wenigen existierenden Maschinen lärmte. Dass diese Maschine am nächsten Tag per Tieflader 500 Kilometer weiter gekarrt wurde, um dort dieselbe Show abzuziehen, merkte niemand.
Es stellt sich die Frage: „Wie konnten die Prüfer das übersehen?“ Die Antwort ist so banal wie erschreckend: Flowtex stellte den Prüfern eigene Hubschrauber zur Verfügung, um die „vielen Baustellen im ganzen Land“ zu besichtigen. Die Prüfer waren so beeindruckt vom Service und der Effizienz, dass sie gar nicht merkten, dass sie oft im Kreis flogen oder dieselbe Maschine an verschiedenen Orten sahen – jedes Mal mit einem frisch aufgeklebten Typenschild.
Und Schmider hilft anderweitig nach – er lebt demonstrativ gut, was Vertrauen ausstrahlt. Villen, Flugzeuge, ein Reitstall, Wohnanlage in Miami, Chalet in St. Moritz, Villen auf Ibiza und in Cannes, eine 55 Meter lange Yacht die einst dem Prinzen von Brunei gehörte, gekauft für 20 Millionen Mark. Wer so lebt kann keine Probleme haben. Wer so lebt dem vertraut man.
Schmider pflegt auch seine politischen Kontakte sorgfältig. Der FDP-Ehrenvorsitzende Jürgen Morlok ist seit 1994 als Unternehmenssprecher seine rechte Hand. Ministerpräsident Erwin Teufel lobt Flowtex öffentlich als Schmuckstück der Landeswirtschaft. Schmider ist Kultursponsor, Förderer des Regionalflughafens Karlsruhe/Baden-Baden, gern gesehener Gast auf der Rennbahn Iffezheim. Und er hat Glück: 1996 durchschauen Beamte der Karlsruher Finanzbehörden den Betrug. Ein Hinweis geht ein, dem jedoch nie nachgegangen wird. Das System läuft weiter. Vier Jahre lang.
Im Februar 2000 kommt das Ende – nicht durch eine große Enthüllung, sondern weil Geldwäscheermittler der spanischen und portugiesischen Finanzbehörden das Bundeskriminalamt auf merkwürdige Geldflüsse aufmerksam machen. 55 Hausdurchsuchungen, 110 Beschuldigte, kistenweise Akten. Schmider wird verhaftet.
Und dann das vielleicht absurdeste Detail der ganzen Geschichte: drei Tage nach seiner Verhaftung wären noch 700 Millionen Mark auf das Flowtex-Konto geflossen. Commerzbank und Dresdner Bank hatten einen Börsengang vorbereitet. Das Geld war bereits auf dem Weg.
Was danach folgt ist ein politisches Beben im Musterländle. Der Landtag setzt einen Untersuchungsausschuss ein der dreieinhalb Jahre tagt und 1154 Seiten Abschlussbericht produziert. Im Zuge der Ermittlungen kommt als Zufallsfund die sogenannte Umfrageaffäre ans Tageslicht – und 2004 treten Wirtschaftsminister Walter Döring und Justizministerin Corinna Werwigk-Hertneck zurück, beide FDP. Döring wird später wegen uneidlicher Falschaussage vor dem Untersuchungsausschuss zu neun Monaten Bewährung verurteilt. Der Verdacht: die Justizministerin soll ihn über Einzelheiten laufender Ermittlungen informiert haben. Unbehelligt bleibt Jürgen Morlok, Schmiders langjährige rechte Hand und FDP-Ehrenvorsitzender.
Vor Gericht legt Schmider ein Geständnis ab. Ein Psychiater attestiert ihm das was er das Harry-Potter-Phänomen der halluzinatorischen Wunscherfüllung nennt – die Fähigkeit sich einzureden dass es schon irgendwie gut geht, dass sich das alles irgendwie löst. Voll schuldfähig sei er trotzdem. Schmider bekommt elfeinhalb Jahre.
2007 wird er entlassen. Noch im Gefängnis organisiert Schmider die Überführung von vier Chagall-Gemälden und einem Geländewagen in die Schweiz – an seinen Gläubigern vorbei. Dafür gibt es eine Bewährungsstrafe. Das Insolvenzverfahren zieht sich bis 2020 hin.
Heute soll Schmider auf Mallorca leben. Geländewagen, Pool, Yacht. Der bescheidene Lebensstil eines verurteilten Milliardenschwindlers sieht offenbar anders aus.
Der Gesamtschaden: 4,9 Milliarden Mark. Die Prägemaschine und die Blanko-Typenschilder die das alles möglich gemacht haben, sind heute im Museum zu besichtigen.
Niemand hat nachgeschaut. Bis es zu spät war.