Der Mann, der die Welt ernährte - und vergiftete

  • Der Mann der die Welt ernährte – und vergiftete

    Stell dir vor die Luft um dich herum enthält den Schlüssel zum größten Problem der Menschheit – und du kannst ihn nicht benutzen.


    Stickstoff macht 78 Prozent der Luft aus. Pflanzen brauchen ihn zum Wachsen, dringend, ohne ihn keine Ernte, ohne Ernte kein Essen. Aber der Stickstoff in der Luft ist in einer Form gebunden die Pflanzen nicht verwerten können. Er ist da, überall, in unvorstellbaren Mengen – und völlig nutzlos. Die Landwirtschaft behalf sich seit Jahrtausenden mit Gülle, Mist und Kompost, und seit dem 19. Jahrhundert zunehmend mit Guano – dem getrockneten Kot südamerikanischer Seevögel der in Massen nach Europa und Nordamerika verschifft wird. Guano ist wirksam, aber begrenzt, teuer, und muss per Schiff über die halbe Welt transportiert werden. Es reicht nicht.


    Der britische Chemiker William Crookes hält 1898 vor der British Association for the Advancement of Science eine vielbeachtete Rede und legt dar dass bis zum Jahr 1918 die Nachfrage nach Stickstoffverbindungen das Angebot bei weitem übersteigen werde und der westlichen Welt eine Hungersnot ungeahnten Ausmaßes drohe.


    Die Erde ernährt damals etwa 1,6 Milliarden Menschen. Heute sind es über 8 Milliarden. Die Lösung kommt von zwei Männern die unterschiedlicher kaum sein könnten – und deren Leben beide in der gleichen historischen Katastrophe enden.


    Fritz Haber wird 1868 in Breslau geboren, Sohn eines jüdischen Farbstoffhändlers, und ist von früh an besessen von Chemie. Er ist kein sympathischer Mensch – ehrgeizig, kalt, ungeduldig – aber er ist brilliant. Um 1900 arbeitet er an dem Problem das die wissenschaftliche Welt beschäftigt: wie bindet man atmosphärischen Stickstoff in eine Form die Pflanzen verwerten können? Dutzende Chemiker versuchen es. Keiner ist efolgreich.


    Aber 1909 schafft es Haber.


    In seinem Labor in Karlsruhe gelingt ihm die Synthese von Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff – unter hohem Druck, hoher Temperatur, mit einem Eisenkatalysator. Der Prozess ist elegant, der Durchbruch monumental. Was Haber im Labor zeigt ist der Beweis dass es geht. Was dann folgt ist die Aufgabe eines anderen Mannes.


    Carl Bosch wird 1874 in Köln geboren, Sohn eines Klempners, und studiert Metallurgie und Chemie. Er ist das Gegenteil von Haber – geduldig, bodenständig, ein Mann der Lösungen sucht statt Ruhm. Als Ingenieur bei der BASF erkennt er sofort was Habers Entdeckung bedeutet, und macht sich daran das zu tun was Haber nicht kann: er industrialisiert das Verfahren.


    Das ist keine Kleinigkeit. Habers Laborapparatur arbeitet unter Bedingungen die im industriellen Maßstab niemand je realisiert hat – Drücke von 200 Atmosphären, Temperaturen von 500 Grad, Materialien die kein Stahl der Zeit lange aushält. Bosch verbringt Jahre damit jeden einzelnen dieser Faktoren zu lösen, entwickelt neue Stahllegierungen, neue Reaktorkonstruktionen, testet etwa 3000 verschiedene Katalysatoren. Die Versuche dauern oft mehrere Tage und enden regelmäßig mit Rohrbrüchen und Explosionen. Den entscheidenden Durchbruch bringt 1911 ein Geistesblitz: ein Doppelrohr das die Hitze im Außenrohr ableitet und den Prozess erst kontrollierbar macht.


    1913 nimmt die erste Anlage in Ludwigshafen-Oppau die Produktion auf. Am Anfang stellt sie etwa 20 Tonnen Ammoniak pro Tag her, 1914 sind es bereits 40 Tonnen. Eisenbahnzüge mit Kunstdünger verlassen Ludwigshafen. Die Revolution der Landwirtschaft nimmt ihren Lauf.


    Was der Kunstdünger verändert ist nicht nur die Erntemenge – es ist die gesamte Logistik der Landwirtschaft. Guano musste bestellt, verschifft, gelagert werden – ein aufwändiges, unzuverlässiges, teures Geschäft das vom Wetter auf See und der Verfügbarkeit der Vorkommen in Peru und Chile abhing. Chilesalpeter, das andere große Naturprodukt, lag am anderen Ende der Welt und war ebenso begrenzt. Kunstdünger aus dem Haber-Bosch-Verfahren hingegen ist planbar, skalierbar, gleichmäßig in der Zusammensetzung und mit der Zeit drastisch günstiger. Von 1913 bis 1932 halbiert sich der Preis für Stickstoffdünger in etwa. Bauern können Mengen und Zeitpunkt der Düngung erstmals präzise steuern statt auf das zu warten was gerade verfügbar ist.


    Als 1923 wieder der Import von Chilesalpeter einsetzt, gewinnt das Naturprodukt nur einen kleinen Teil seines Vorkriegsmarkts zurück. Der synthetische Dünger hat gewonnen – nicht durch staatliche Entscheidung sondern weil er einfach besser, billiger und verlässlicher ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden immer mehr industriell hergestellte Dünger in unterschiedlichen Zusammensetzungen auf den Markt gebracht, begünstigt von niedrigen Erdölpreisen. Die Hungersnot die Crookes 1898 für 1918 vorhergesagt hatte, bleibt aus – nicht weil er falsch lag, sondern weil Haber und Bosch das Problem gelöst haben bevor es eingetreten ist.


    Heute basiert etwa die Hälfte des gesamten Stickstoffs in menschlichen Körpern auf diesem Verfahren. Ohne Haber-Bosch wäre die Erde nicht in der Lage mehr als etwa vier Milliarden Menschen zu ernähren. Die anderen vier Milliarden – darunter statistisch gesehen jeder zweite Mensch der heute diesen Text liest – existieren weil diese zwei Männer ein chemisches Problem gelöst haben.


    Dann kommt der 1. Weltkrieg.


    Haber ist kaisertreuer Deutscher, Patriot aus Überzeugung, und als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht stellt er seine Fähigkeiten sofort in den Dienst des Reiches. Er erkennt früh dass der Stellungskrieg im Westen eine neue Waffe braucht – etwas das Schützengräben überwindet ohne Infanterie hineinzuschicken. Seine Lösung: Giftgas. Chlorgas, zunächst. Haber entwickelt nicht nur die Waffe sondern auch die Methode des Einsatzes, organisiert die Produktion, und ist am 22. April 1915 persönlich vor Ort als bei Ypern in Belgien zum ersten Mal in der Geschichte Giftgas als Massenwaffe eingesetzt wird. Etwa 6.000 alliierte Soldaten sterben in den folgenden Stunden, viele weitere werden dauerhaft geschädigt. Selbst eine persönliche Tragödie bringt Haber nicht von seiner Überzeugung ab.


    Clara Immerwahr ist nicht einfach Habers Frau. Sie ist 1900 die erste Frau die an der Universität Breslau promoviert – in Chemie, summa cum laude, in einer Zeit in der Frauen an deutschen Universitäten kaum geduldet werden, geschweige denn promovieren dürfen. Sie ist brillant, ehrgeizig, und hat eine eigene wissenschaftliche Karriere vor Augen. Dann heiratet sie Haber. Was folgt ist das was von Frauen ihrer Zeit erwartet wird: sie übersetzt seine wissenschaftlichen Texte ins Englische, hilft bei der Forschung, gibt die eigene Karriere weitgehend auf. In ihren Briefen aus dieser Zeit klingt die Bitterkeit durch – das Bewusstsein dass ihre eigene Intelligenz im Schatten eines Mannes verbraucht wird der sie nicht als Gleichwertige behandelt.


    Als Haber mit dem Giftgas beginnt, widersetzt sie sich. Nicht stillschweigend – sie bezeichnet seine Arbeit öffentlich als Perversion der Wissenschaft, als Verstoß gegen die Grundprinzipien für die Wissenschaft steht: Leben zu schützen, nicht zu vernichten. Haber hört nicht zu.


    In der Nacht des 1. Mai 1915, wenige Tage nach Ypern, nimmt sie seine Dienstwaffe und erschießt sich im Garten ihres Hauses in Berlin. Ihr zwölfjähriger Sohn Hermann findet sie sterbend. Ob ihr Tod ein bewusster Protest ist oder ob andere Verzweiflungen dazukommen – darüber lässt sich nur spekulieren. Sicher ist: sie stirbt in der Nacht nachdem ihr Mann die Giftgasangriffe koordiniert hat, und er fährt am nächsten Morgen an die Ostfront.


    Hermann Haber trägt das Erbe seines Vaters ein Leben lang. 1946 nimmt er sich ebenfalls das Leben.


    Bosch macht den Krieg auf seine eigene Weise. Das Haber-Bosch-Verfahren produziert nicht nur Dünger sondern auch Ammoniak für Sprengstoff – ohne es wäre die deutsche Kriegswirtschaft nach wenigen Monaten kollabiert, weil die britische Seeblockade den Import von Chilesalpeter unterbunden hat. Bosch liefert. Er sagt später er habe keine Wahl gehabt. 1932, kurz vor seinem Tod, äußert er dass der Krieg vielleicht ein schnelleres Ende mit weniger Elend gefunden hätte wenn er das Deutsche Reich nicht unterstützt hätte.


    Nach dem Krieg bekommt Fritz Haber 1918 den Nobelpreis für Chemie – für die Ammoniaksynthese. Die internationale Wissenschaftsgemeinde ist empört. Er gilt vielen als Kriegsverbrecher. Er nimmt den Preis trotzdem entgegen. Carl Bosch bekommt den Nobelpreis 1931 für die Hochdruckchemie. Beide Männer stehen auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Beide haben zwei Jahre.

    1933 kommen die Nazis an die Macht.


    Haber ist Jude, auch wenn er das nie besonders betont hat – er ist assimiliert, getauft, kaisertreuer Deutscher durch und durch. Das hilft ihm nicht. Das Berufsbeamtengesetz tritt in Kraft, jüdische Staatsdiener werden entlassen. Haber wird aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut gedrängt. Er schreibt einen Brief an den Ministerialbeamten in dem er erklärt er könne nicht akzeptieren dass seine wissenschaftliche Arbeit künftig von der Herkunft seiner Großeltern abhängen solle. Er flieht aus Deutschland. Er stirbt 1934 in Basel, auf dem Weg ins Exil nach Palästina, allein, von seiner Heimat verstoßen.


    Bosch reagiert anders. Er ist kein Jude, er ist Vorstandsvorsitzender der IG Farben – des größten Chemiekonzerns der Welt. Er hat Macht, Einfluss, Zugang. Er besucht Hitler persönlich und warnt ihn dass die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler die deutsche Forschung um hundert Jahre zurückwerfen wird. Hitler hört kurz zu und beendet das Gespräch abrupt. Von diesem Moment an verliert Bosch schrittweise seinen Einfluss. Er verfällt in Depression, dann in Alkoholismus. Er sieht wie die IG Farben sich dem Regime andient, wie aus seinem Lebenswerk ein Rüstungskonzern wird.


    Carl Bosch stirbt 1940. Er sieht nicht mehr was aus der IG Farben noch wird.


    Die IG Farben baut wenige Jahre später das Werk Auschwitz III – Monowitz – mit Zwangsarbeitern. Und stellt Zyklon B her. Das Schädlingsbekämpfungsmittel das aus Habers Forschung hervorgegangen ist, zur Waffe umgebaut, eingesetzt in den Vernichtungslagern. Einige von Habers Verwandten sterben darin.

    Zwei Männer, ein Verfahren, eine Geschichte die sich nicht aufräumen lässt.


    Fritz Haber hat mehr Menschen am Leben erhalten als irgendjemand sonst in der Geschichte. Und er hat mehr Menschen auf dem Gewissen als fast irgendjemand sonst in der Wissenschaftsgeschichte. Beides ist wahr. Beides lässt sich nicht voneinander trennen.


    Carl Bosch hat das industrielle Verfahren entwickelt, ohne das Habers Entdeckung eine Laborskuriosität geblieben wäre. Er hat versucht sich dem zu widersetzen was danach kam – und ist daran zerbrochen.


    Und das Verfahren selbst? Es hat eine letzte Ironie. Kunstdünger ist so günstig und so verfügbar dass der Anreiz zum sparsamen Umgang fehlt. Stickstoff der nicht von Pflanzen aufgenommen wird wäscht sich in den Boden, ins Grundwasser, in Flüsse und Seen. Nitratbelastung im Trinkwasser, Überdüngung von Gewässern die in Sauerstoffmangel und kippenden Ökosystemen endet, Artensterben in Feuchtgebieten – das sind die Folgen eines Verfahrens das die Menschheit ernährt und gleichzeitig die Umwelt systematisch belastet. Die Menschheit hatte Jahrtausende zu wenig Stickstoff. Seit Haber und Bosch hat sie zu viel.


    Die Frage die ihr beider Leben aufwirft ist keine die sich leicht beantworten lässt: was sind wir einem Menschen schuldig der uns ernährt – und was schulden wir den Opfern dessen was er sonst noch getan hat?


    Die Wissenschaft hat keine Antwort darauf. Die Geschichte auch nicht.

    I can't breathe.

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