Berlin ist fast abgegrast und auch im Umland werden die Plätze langsam rar. Schon länger ist es also unabdingbar, auch weiter entfernte Plätze heimzusuchen.
Dresdner SC
Das schöne Dresden ist immer eine Reise wert und die Residenzstadt an der Elbe überraschend gut von Berlin aus zu erreichen. Nur ein Umstieg in Cottbus, wo der Anschluss bereits geduldig wartet. Dafür stehe ich auch bereitwillig früh auf, um die S-Bahn um 6:15 zu bekommen. Kurz vor zehn rollt der Zug in Dresden-Neustadt am nördlichen Elbufer ein. Bevor es auf die Südseite mitsamt Stadion und Altstadt geht wird das Regierungsviertel der Stadt inspiziert. Östlich des Bahnhofs der gar nicht so neuen Neustadt liegt die Innere Neustadt und der Kirchturm der Dreikönigskirche zog mich magisch an, dahinter offenbart die "Hauptstrasse" eine schöne Fußgängerzone Richtung Elbe und dem "Goldenen Reiter". Berlin aht auf der Siegessäule die Gold-Else, Dresden den Gold-August. Kurfürst August der Starke erlangte seine titularische Beförderung durch die Annahme der Königskrone Polens, blieb aber als Feldherr eher erfolglos. Dafür gelangte er als Bauherr zu Ruhm und am Nordufer der Elbe kann man die architektonischen Schönheiten auf beiden Seiten des Flusses bewundern. Ostwärts steht nur die absperrung der eingestürzten Brücke im Wege.
Die frühe Anreise wurde auch durch ein Vormittagsspiel um 11:00 stromab gen Westen bedingt. Das Stadion von Rotation Dresden sah auf Bildern und auch in natura schon ganz gut aus. Nur die verdächtige Stille beim Fußmarsch ließ nichts Gutes erahnen und fussball.de bestätigte mir dann die Spielabsage. Bei bestem Wetter. Dann also doch zur nächsten Brücke zurück, die direkt zum Yenidze führt. Die ehemailige Zigarettenfabrik ist schon ein Highlight und direkt daneben liegt das Heinz-Steyer-Stadion. Von außen schonmal kurios und viel zu neu, aber durch die Spielabsage war noch genügend Zeit für die Altstadt. Der Zwinger ist innen noch im Umbau bzw noch nicht gepflanzt und irgendwo verhindert immer ein Bauzaun ein perfektes Foto, aber sei's drum: das frühe Aufstehen war schon vergessen. Nur die Fressaliensuche gestalte sich schwer: teuer und/oder überfüllt. Ein Lokal namens Gänsedieb sah zumindest einladend aus und vor der Tür stand auch der passende Gänsediebbrunnen. Am Tisch nebenan ein Oma-Quintett bei Mittag und Bier, die über tagespolitisches debattierten.
Dann abschließend noch einmal durch die Innenstadt zum Stadion.
Das Heinz-Steyer-Stadion
Über dem Eingang informiert eine digitale Anzeige über das heutige Spiel. Ansonsten ist die Schüssel deutlich überdimensioniert, die Dachkante entlang ziert ein merkwürdiger Ring das Oval, der Großteil ist abgesperrt und das Olympiator ostwärts Richtung Altstadt offen. Das Highlight ist zweifelsohne die vergessene Anzeigetafel, die auch bei Leichtathletikveranstaltungen vonnöten wäre. Es ist also stets dem Sprecher das Informationsmonopol überlassen, wer gerade ein Tor erzielt, irgendeine Kugel irgendwie weit oder irgendeinen Sandkasten erfolgreich besprungen hat. Der DSC hat eine eigene Tafel gebastelt, leider war ich bei den Toren zu weit weg, um das manuelle umhängen im Bild festzuhalten.
Hopperelevantes
Für einen Sechser gibt es eine richtige Karte mit Wappen beider Vereine und innen liegt ein Stapel Stadionhefte. Beides fotographiert und gleich ein "Na, auch ein Groundhopper?" zu hören bekommen. Vadder und Sohn kamen sogar aus Hamburg. Die Verpflegung ist ganz gut, es gibt Feldschlösschenbecher in Vereinsfarben und -wappen. Daneben ein Fenster mit Fanartikeln, leider sind Nadeln und Pins aus.
Fanszene
Die kleine Fanszene ist überschaubar, dafür sehr angenehm und nahbar. Support kommt von zunächst zehn Nasen, während des Spiels wächst der Trupp zentral am unteren Geländer etwas an. Eine Flagge zeigt das "Vita Cola" - Emblem mit Viva La DSC.
Ansonsten relativ sympathischer Haufen. Das dritte Tor erwartend postierte ich mich vor der besagten provisorischen Anzeigentafel, als ein Kind viel Spaß auf meine Kosten hatte. Der halbwüchsige Wirbelwind fand den kurzbeinigen Captain mit Hemd und Weste kurios genug, um ihn zu belagern. Genug, um mich zu überfordern, zumal Papa auch schon skeptisch guckte, was das wird.
Die Gästefans haben ein langes Banner und eine große Schwenkfahne mitgebracht, sind aber eher ruhig. Könnte daran liegen, dass Reichenbach aus dem Vogtland dialektös stark beeinträchtigt ist und gegenüber dem schnuckligen Sächsisch der Hauptstadt für auswärtige Ohren stark gewöhnungsbedürftig klingt.
Das Spiel
Echowitz: das Spiel hatte Verbandsliga-Niveau-Wo-wo-wo ... die Gastgeber zumindest bemüht, die Gäste vielleicht auch, konnten das aber gut verbergen. Der DSC in schwarz-rot trat in spät-90er-Eintracht Frankfurt Trikots an, die Gäste mit Vereinsfarben Blau-Gelb in .. grau. Mit weißen Ärmeln. Den Titel "hässlichstes Trikot der Saison" haben die Reichenbacher schon mal sicher. Sportlich sind beide punktgleich im Keller. Drei Absteiger gibt es durch die Rückkehr von Dünamo Dresden II diese Saison (Herzblut schrieb darüber); eine Truppe hat schon zurückgezogen, mit Lok Zwickau steht derzeit eine etwas abgeschlage Truppe auf dem vorletzten Platz.
Der DSC traf noch vor dem Pausenpfiff zweimal, nachdem der offensivschwache Altmeister den Ball zunächst hineintragen wollte, aber dann doch viel Platz im Fünfmeterraum erhielt und der Ball nicht mehr ausbüchsen konnte. Als guter Gastgeber legte man den Gästen durch zahlreiche Luftlöcher, Kerzen und halbherzige Rettungsschläge mit < 5 Meter Reichweite genug Chancen auf, die aber kläglichst (ja, da muss eine Steigerungsform 'rein!) verschnracht wurden. Somit schwante mir nach einer halben Stunde, dass von den Gästen keine Gefahr ausgehen wird.
Gegen Ende drückte Reichenbach, doch deren Sturm verhindert erfolgreicher Tore als ihre Abwehr. Vielleicht sollten die mal die Positionen tauschen.
Summa summarum: es war der erste Liga-Sieg des DSC im neuen Stadion!
Rückfahrt
Zeit war genug, wieder zurück über die Brücke zum Bahnhof Neustadt. Rückfahrten aus Sachsen verlaufen immer nach dem gleichen Schema: Umstieg irgendwo in der Pampa mit 5 Minuten Puffer. Der Zug muss aber irgendwo warten/einen anderen Zug vorlassen/dödelt irgendwo zu lange herum und dann geht die hektische Suche nach einer alternativen Route los. Bis Cottbus durchfahren und von da weiter? Die Schaffnerin läuft mit einem Zettel durch den Zug und notiert sich die Wunschziele der Fahrgäste. Anscheinend muss erst eine Mindestmenge erreicht werden, um den Anschlusszug zum verweilen zu überzeugen. Glück gehabt: Berlin hat genug zusammenbekommen und etwas drei Minuten vor Ankunft an einem ganz anderen Umsteigebahnhof klingt die Durchsage durch den Zug, dass der Anschluss wartet ..
edit:
Musik
Ein ganz großer Pluspunkt ist die großartige Stadionbeschallung. Mal nicht zu spät kommen lohnt sich, zur Begrüßung läuft Ska, anschließend als Einlaufhymne das phänomenale Intro aus Strauss' "Also sprach Zarathustra" und als Einpeitscher "Children of the Grave" von Black Sabbath.
Dem wohl bekanntesten Sohn des Verein schrieb Udo Jürgens eine Abschiedshymne, die natürlich auch gespielt wurde.
RW Erfurt 4:1 BFC Dynamo